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Mountainbiken auf den Isartrails

Wie ich die Liebe zu meinen Hometrails neu entdeckte

Dreimal Südtirol, zweimal Gardasee – Mountainbike-Trips, die ich in einem normalen Jahr jetzt schon abgehakt hätte. Doch in dieser Saison ist alles anders. Meine geplante Traumreise ins Bike-Mekka Kanada, musste ich auch canceln. Dafür entdecke ich die Trails vor meiner Haustüre neu und schäme mich dafür, sie so lange ignoriert zu haben.

Wenn ich im Frühjahr 2020 meine Mountainbike-Ausrüstung packe, nehme ich meistens nur das Wimmerl her. Eine kleine Hüfttasche, mehr brauche ich nicht. Das Wetter sollte in der guten Stunde, die ich unterwegs sein werde, nicht umschlagen und wenn ich eine Panne habe, könnte ich sogar nach Hause schieben. 

Wohlig langweilige Sicherheit

Das Gefühl, dass mich heute nichts überraschen wird, beruhigt mich irgendwie. Früher habe ich müde gelächelt, wenn mir jemand total begeistert erzählt hat, dass er drei, vier, fünfmal in der Woche die Trails rund um München unsicher macht. Aber in Corona-Zeiten finde ich Gefallen an der Gewohnheit – sie gibt mir wenigstens ein bisschen Sicherheit. Es ist, wie wenn der Barkeeper in meiner Stammkneipe endlich meinen Namen kennt und mir ungefragt das richtige Getränk hinstellt. 

In nur fünf Minuten bin ich zum Einstieg der Trails geradelt. Bis vor kurzem war ich keine Freundin von Routinen: Kein Tag glich dem anderen, mal arbeite ich hier, mal dort, fixe Essenszeiten kenne ich nicht, einen regelmäßigen Trainingsplan schon gar nicht und jedes Wochenende geht es zum Mountainbiken woanders hin. Doch seit Corona ist das anders: Arbeit im Homeoffice, jeden Morgen Frühstück mit dem Freund und fast täglich eine Runde mit dem Rennrad oder dem Mountainbike. Jedes Mal starte ich gezwungenermaßen direkt vor meiner Haustüre. 

Rücksicht auf Trails zur Rush-Hour

Wenn man nicht schon morgens um sieben Uhr unterwegs ist, sind die Trails in Stadtnähe immer ziemlich voll: Kids, die den zweiten Tag ohne Stützräder unterwegs sind und ihre übermotivierten Vätern, Anfänger*innen und die zugehörigen Freund*innen, die den Newbies gut zureden, Studierende mit ihren klapprigen Stadträdern, die sich auf dem Weg zum Grill-Spot verfahren haben und natürlich die mit dem Messer zwischen den Zähnen, die auch zur Rush-Hour gegen den Strava-Endgegner antreten MÜSSEN. Scheint die Sonne, wollen gerade alle einfach nur raus – aus dem Homeoffice und aus dem Alltag, so wie ich. Ja, wir sitzen im selben Boot, wir fahren den selben Trail.  

Bremsen, Absteigen, Warten, Rücksichtnehmen. Wer darauf keine Lust hat, bleibt in Corona-Zeiten besser gleich zuhause. An manchen Stellen staut es sich, so wie an zwei kleinen Rampen knapp einen Kilometer nach dem Trailstart. Wer die kleinen, wurzeligen Uphills nicht kennt, falsch schaltet oder die Wurzel falsch anfährt, der bleibt hängen oder rutscht weg. Während ich mich einreihe und warte, überkommt mich die Nostalgie: Bei meinen ersten Versuchen auf den Isartrails habe ich diese Stelle auch nicht geschafft. Heute muss ich darüber gerade mal so viel nachdenken wie übers Schuhebinden. Dasselbe gilt für DEN KLASSIKER auf den Isartrails: Ein Betonrohr durch einen kleinen, mit Wasser gefüllten Graben, den es zu überwinden gilt. Wenn man sich einmal überwunden hat, mit ein bisschen Schwung die Rundung entlang zu balancieren, fragt man sich, was einen jahrelang davon abhielt. 

Hometrails als Gradmesser des sportlichen Fortschritts

Nirgends kann man seinen sportlichen Fortschritt so genau sehen, wie auf einer Strecke, die man immer wieder fährt. Der Trail zuhause ist der ultimative Prüfstein fürs eigene Können. Technische Stellen werden über die Jahre zur leichten Fingerübung. Beim Wettkampf gegen sich selbst werden die Zeiten immer schneller. 

Trails direkt vor der Haustür finden sich überall in Bayern – von Hof bis Garmisch-Partenkirchen: Egal ob Wanderwege, benutzt in freundlicher Koexistenz von Menschen mit und ohne Rad, oder exklusive Angebote für Mountainbiker*innen, wie zum Beispiel die Heumöderntrails in Treuchtlingen oder die Bikeparks am Samerberg, am Geißkopf, in Osternohe oder in Oberammergau

Ich kenne diese Strecke seit mehr als zehn Jahren. Nach anfänglicher Begeisterung habe ich die Isartrails viele Jahre boykottiert: Immer dasselbe, zu langweilig, zu voll. Dabei muss man seine Ausflüge nur gut timen und ein Auge haben, für die kleinen Veränderungen. Wo gestern noch ein Sprung über einen umgefallenen Baum nötig war, geht es jetzt Vollgas bergab in den nächsten Anlieger. Und wenn sich dann doch irgendwann das Gefühl einstellt, jeden Stein zu kennen? Dann fahr’ ich die Runde einfach andersrum, gegen den Uhrzeigersinn – nach einem Perspektivwechsel sehen die Dinge oft überraschend anders und neu aus. Nicht nur beim Mountainbiken.

Der Wechsel der Jahreszeiten 

Als der Lockdown begann, als die Grenzen dicht gemacht wurden, war es noch Winter. In München hat es sogar noch einmal geschneit. Die Bäume an der Isar waren kahl, dann kam der Frühling und brachte ein sattgrünes Dach, auf dem Trail wurde es schattiger, die Luft dampfiger, die Mücken mehr. Meine kleine Feierabendrunde führte mitten durch einen Dschungel. Vor wenigen Wochen war der Trail an manchen Stellen nur ein schmaler, brauner Pfad inmitten eines Bärlauch-Teppichs – einmal tief einatmen und der Appetit auf die Pasta nach dem Biken war geweckt. Jetzt ist der Bärlauch verblüht, die Geruchsexplosion vorbei. 

Vor lauter Freizeitprogramm ging der Wandel der Jahreszeiten ging sonst immer ein bisschen an mir vorbei. Gerade war ich noch beim Skifahren in Österreich, ein paar Tage später schon beim Biken in Südtirol. Wie sich die Natur direkt vor meiner Tür verändert, das hab ich meistens verpasst. Irgendwann war der Sommer dann einfach da. 

… und wieder war es anders

Nach einer knappen Stunde rolle ich auf dem Isarradlweg wieder nach Hause. Es war wieder alles anders, wieder neu. So nass wie heute, bin ich die Trails in diesem Jahr noch nicht gefahren. Nässe verändert ALLES: Die Wurzeln werden rutschiger, der Anspruchs ans Gleichgewicht höher. Irgendwie schäme ich mich fast ein bisschen dafür, dass es Zeiten gab, in denen ich die Trails vor meiner Haustür nicht schätzen konnte. Sie sind nämlich nicht der Barkeeper, der mich namentlich kennt und mir ohne Nachfrage den richtigen Wein hinstellt, sondern sein übermotivierter Kollege, der sagt: „Katharina, schön dass du wieder da bist, ich hab’ heute mal was Neues für dich!“ Auch auf die Gefahr hin, dass es klingt wie eine billige Floskel: Zuhause ist es doch am schönsten. 

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