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Der frühe Vogel fängt nicht immer den Wurm

Abenteuer vor der eigenen Haustüre sind spätestens seit Corona ein großes Ding. Auch bei drei Mountainbikern, die zusammen mit dem Mountainbike-Profi Tobias Waggon zu einer alpinen Durchquerung ihrer Wahlheimat Tirol aufbrechen. Doch dann kommen plötzlich 30 Zentimeter Neuschnee...
Text & FotosMax Draeger

Traumhafte Hochgebirgslandschaften erkunden, eine gute Zeit auf urigen Hütten verbringen und einzigartige alpine Trails vom Achensee an den Reschensee zu befahren – das war unser Plan. Wir, das sind die Wahltiroler Fabian Spindler, Konstantin Seger und Max Draeger sowie der Mountainbike-Profi Tobias Woggon. Doch die Rechnung haben wir ohne das Tiroler Augustwetter gemacht: Konfrontiert mit einem Wintereinbruch inklusive 30 Zentimeter Neuschnee musste unser Quartett die Erwartungen stark zurückschrauben und umplanen, um auf Umwegen am Reschensee zum verdienten Abschluss-Bier zu kommen. Enttäuscht wurden wir trotzdem nicht, denn alpines Bikepacking ist schließlich so viel mehr als auf einem Radl von A nach B zu fahren… 

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Alles auf Anfang 

Als uns im Sommer 2020 die Corona-Pandemie eine kleine Verschnaufpause gönnt und wir das erste Mal wieder ohne Einschränkungen unserer Leidenschaft nachgehen dürfen, ist die Motivation groß uns ein Projekt für den Sommer zu überlegen. Nachdem das Reisen über Grenzen noch immer mit erheblichen Hürden verbunden ist, kramen wir aus unseren Hinterköpfen eine eine alte Idee hervor: Mit dem Enduro auf möglichst direktem und alpinem Weg einmal quer durch unsere Wahlheimat, das österreichische Bundesland Tirol, zu fahren. 

Es scheint als wäre in diesem Moment der passende Zeitpunkt sich auf dieses große Abenteuer im kleinen Tirol einzulassen. Reisen zu exotischen Zielen sind aktuell schließlich eh keine Option und dass quasi hinter der Haustüre noch unentdeckte Trails und Abenteuer auf uns warten steht außer Frage. 

Schnell war nicht nur eine Tour nach unserem persönlichen Gusto auf komoot im Detail geplant, sondern mit Tobi auch ein, im wahren Wortsinne, „erfahrener“ und aktuell vom Lagerkoller befallener Mitstreiter gefunden. Wir sollten alle erst später realisieren, auf was sich Tobi eingelassen hatte, als er beschloss gemeinsam mit uns loszuziehen, also mit Konsti, dem Kopf des Blogs alpinebiking.de, Fabi, einem Filmer aus Innsbruck sowie meiner Wenigkeit als Fotograf.

Wild. Wilder. Karwendel. 

7 Uhr. Mit dem Auto shutteln wir zum Ausgangspunkt der Tour am Westufer des Achensees, von wo aus wir uns auf direktem Weg in den den wahrscheinlich ursprünglichsten Gebirgszug Tirols, den Karwendel machen. Die Beine sind dankbar über die ersten flach verlaufenden Meter vom See weg, sind doch unsere Bikes und Rucksäcke mit Ausrüstung und Gepäck für mehrere Tage bepackt und merklich schwerer als gewohnt. Im Anstieg zum Plumsjoch verschwindet der glitzernde „Tiroler Fjord“ bald aus unserem Blickfeld und es geht zügig bergauf. Die Rampen wandeln sich erstaunlich schnell von zahm zu zornig, der Untergrund wird zusehends lose und die Sonne brennt uns bei über 30 Grad unbarmherzig in den Nacken. Willkommen zum Sufferfest! Als wir den Sattel erreichen steht es eindeutig eins zu null. Nicht für uns, denn früher oder später musste hier jeder das Bike schieben. 

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Über Almwiesen, durch tiefe Taleinschnitte, über kleine Brücken und durch lichten Wald rollen wir hinab ins Karwendel, ehe wir direkt den nächsten groben, aber dafür weit weniger steilen Uphill zu Linseneintopf auf dem Karwendelhaus in Angriff nehmen. Vor der Terrasse der Hütte staunen wir nicht schlecht als wir die aberwitzigen Mengen an Ebikes entdecken. Manche haben sich hier den Uphill wohl einfacher gemacht als wir. Verdenken könne wir es ihnen nicht, dafür schmeckt uns das alkohlfreie Weißbier in der Sonne umso besser. 

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Gestärkt machen wir anschließend ordentlich Strecke in Richtung Westen. Gut so. Weniger gut ist im Gegensatz dazu die Tatsache, dass sich hinter den steilen Felswänden und zackigen Graten düstere Gewitterwolken aufgebaut haben. Von Minute zu Minute verdunkelt sich der Himmel und wir beschließen gerade noch rechtzeitig die Notbremse zu ziehen und den nächsten Abschnitt nach Innsbruck mit dem Zug zu verkürzen. Kaum hat sich dieser in Bewegung gesetzt beginnt es auch schon sinnflutartig zu regnen. Es blitzt und donnert was das Zeug hält und wir sind froh nicht gerade in Regenjacken irgendwo im Wald einen Unterschlupf suchen zu müssen. 

Bereits bei der Tourenplanung hatten wir uns auf den Luxus geeinigt, am Abend die rund 1.500 Höhenmeter von Innsbruck ins Kühtai mit dem Auto zurückzulegen. Schließlich sind wir alle keine Fans von mühseliger Streckenbewältigung auf asphaltierten Landesstraßen. Im Dauerregen und mit schwerem Gepäck? Erst zweimal nicht. 

Erfreut über die Tatsache noch trockenen Fußes unterwegs zu sein, staunen wir aber nicht schlecht als unser Matratzenlager im Untergeschoss – der Wolkenbruch ist Schuld! – knöcheltief unter Wasser steht. Da stand wohl ein Fenster offen.. Beherzt nimmt sich der anwesende Feuerwehrkommandant unseres Schicksals an und organisiert uns ein Upgrade im Neubau der Alpenvereinshütte – Chapeau! Wir staunen noch kurz über die skurrile Szene und fallen schnell in unsere trockenen Betten. 

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nicht immer. 

Begeistert ist Tobi nicht, als ich ihm erzähle, wir würden am nächsten Tag um 3:45 Uhr starten, um im besten Morgenlicht die Trailabfahrt ins Ötztal zu bekommen. Aber sein erschöpfter Widerstand ist zwecklos und so stolpern wir alle ohne Frückstück im Magen in die stockfinstere Nacht. Sterne? Fehlanzeige. Dafür jede Menge Wolken. „Bis wir auf der Scharte sind, kann sich ja noch viel ändern…“ gebe ich zu bedenken und den Jungs zu verstehen, dass Gegenargumente nicht gehört werden. Ruck zuck ist das Thema damit durch. 

Unabhängig davon stehen wir ziemlich bald vor einem ganz anderen Problem. Umbauarbeiten an den Stauseen haben das Kühtai in eine einzige Großbaustelle verwandelt und unser geplanter Weg ist bereits dem Bagger zum Opfer gefallen beziehungsweise von großflächigen Hangsicherungsnetzen bedeckt. Mit Mountainbike-Schuhen und einem Bike am Buckel gar nicht mal so toll zum Steigen… Wir helfen uns gegenseitig mit den Bikes über die künstlichen Hindernisse und als es zu dämmern beginnt sind wir endlich am Ende des Sees angelangt. Ab hier heißt es dann endgültig: „Wer sein Rad liebt, der schiebt!“ oder in unserem Fall „Stell keine Fragen, fang an zu Tragen.“ 

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Dass der angekündigte, farbenfrohe Sonnenaufgang mit phänomenalem Wolkenspiel und atemberaubender Fernsicht ausbleibt, können wir zwar leider nicht ändern, aber die Stimmung lassen wir uns nicht verhageln. Gut gelaunt (weil oben angekommen) schieben wir uns in der Scharte ein paar Cliffbar in die Figur und begutachten den folgenden Trail aus der Vogelperspektive: Dieser ist zu unserer Freude besser fahrbar als befürchtet, auch wenn das Flowerlebnis in Anbetracht unseres Schlafdefizits und lose übereinander gestapelter Steinplatten stellenweise ausbleibt. Tobi übernimmt bergab die Führung und zeigt uns warum er sich zu Recht Mountainbike Profi nennen darf. 

Während ich im Trail noch den Begriff Stolperbiken in der Praxis erlebe, rollt Tobi schon mal vor der Schweinfurter Hütte vor und bestellt uns ein verspätetes und längst überfälliges Frühstück. Gut gestärkt und ein Nickerchen später kommen wir in den Genuss eines erstklassigen Flowtrails, der unsere Herzen höher schlagen lässt. Nie langweilig, aber auch nie wirklich schwer windet sich der Weg in zahlreichen Kurven durch den Wald, bis er uns schließlich auf der Ötztaler Bundesstraße ausspuckt. Genial! 

Nach einem weiteren Cappuccino beim Bäcker pendelt sich auch das „Gustometer“ für alle Beteiligten im grünen Bereich ein. Jetzt sind wir alle irgendwie so richtig angekommen in unserer kleinen Reisegruppe und in unserem Projekt. Halleluja! What‘s next?! 

Irgendwie haben die mir das hier anders versprochen 

Den Auftakt ins hochalpine Herzstück der Tour vom Ötztal über das Pitztal ins Kaunertal legen wir auf der Rücksitzbank eines VW-Busses zurück, denn wir verkürzen uns wieder den Aufstieg. Unsere Bikes folgen unauffällig im Anhänger über die Söldner Gletscherstraße. Rund eine Stunde später reißt uns unser Shuttlefahrer aus dem Halbschlaf und es zieht ein eisiger Wind durchs Fahrzeug. Beim Blick nach draußen trau ich meinen Augen kaum: Der Nebel und die Wolken haben sich etwas gelichtet und geben den Blick frei auf den vor uns liegenden Abschnitt – und der ist tief verschneit. 

Vielleicht wäre es klug gewesen auch in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit einfach wieder ins Tal zu rollen und unsere Tour zu unterbrechen, doch wir sind uns schnell einig, dass wir die paar Hundert Höhenmeter jetzt schon irgendwie bewältigen werden. 

Wir hängen die Bikes wieder auf den Rucksack und arbeiten uns Meter für Meter empor. Immer wieder brechen wir bis zu den Knien in den Schnee ein, es ist wirklich mühsam. Wir sind heilfroh nach einer gefühlten Ewigkeit die Scharte zu erreichen, von dort ist es eigentlich nicht mehr weit zur Braunschweiger Hütte… 

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Eigentlich… eigentlich hatten wir auch einen Sommertrip geplant. Und eigentlich wollten wir jetzt hier episch in den Sonnenuntergang fahren. Uneigentlich stehen wir aber mitten im August in Bike-Shorts auf 3.000 Meter Höhe im Schnee und es wird langsam dunkel. Von der Hütte keine Spur. Verzweifelte Blicke aufs Smartphone und in die Tourenplanung: Aber es gibt jetzt kein Ausweg mehr als uns  zur Hütte durchzukämpfen. Also weiter. Nach weiteren eineinhalb Stunden Bike bergab tragen und schieben tauchen dann endlich die Umrisse der Hütte im Nebel auf – fast schon wie eine Oase wirkt sie mit dem warmen Licht, das durch die Fenster fällt, in der kalten verschneiten Dämmerung. 

Mit Fahrradhelmen am Schädel ernten wir beim Betreten der Hütte Kopfschütteln der rund einhundert anderen Gäste und auch der Hüttenwirt hat ein, zwei Fragezeichen im Gesicht. Wortlos stellt er seinen verspäteten Gästen dann Speckplatten und Weißbier auf den Tisch, die wir dankend annehmen. Unsere Frage, ob er öfters Gäste mit Mountainbikes auf seiner Hütte hätte, kommentiert er mit einem herzhaften Lacher und erwidert: „So blöd war scho lang keiner mehr!“ 

Neuer Tag. Neues Glück. 

Als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster blicken sind wir uns schnell einig, dass unsere geplante Route nicht möglich sein wird. Die Hochgebirgslandschaft der Ötztaler Alpen liegt im wunderbaren, weißen Winterkleid vor uns. Zwei weitere hohe Übergänge liegen vor uns und die Motivation das Rad den ganzen Tag durch knietiefen Schnee zu tragen fällt nicht nur bei mir mäßig aus. 

Wir schalten also erstmal einen Gang runter, während die anderen Hüttengäste aufbrechen, trinken den ein oder anderen Kaffee mehr und lassen den Tag auf uns zukommen. Zumindest ist, und dafür sind wir wirklich dankbar, das Wetter richtig gut – blauer Himmel, schneebedeckte Gipfel und fantastische Fernsichten. Fast so hatten wir uns das vorgestellt. 

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Der Trail ins Pitztal dagegen ist eher wieder zornigen Temperaments: Steinplatten, hohe Stufen, enge Kehren mit wenig Platz, loser Untergrund – all das wäre ja eigentlich eine schöne Herausforderung mit dem Mountainbike, aber eben nicht mit zusätzlich Schnee, der Bremsen stellenweise fast unmöglich macht. So gestaltet sich die Abfahrt, bei der ich das Gefühl habe mehr Passagier als Pilot zu sein, als wilder Rodeo Ritt, doch die Bruchlandung bleibt glücklicherweise aus. 

Doch was nun?! Die Optionen mit dem Rad an den Reschensee zu kommen sind spärlich, alle Übergänge sind zu hoch, überall liegt Schnee und wir beschließen die letzten zwei Etappen aufs nächste Jahr zu verschieben. 

Ende gut. Alles gut. 

Doch die Trails am Reschensee und die Pizza in Graun im Vinschgau wollen wir uns trotzdem nicht nehmen lassen und nähern uns motorisiert über die Inntalautobahn dem Dreiländereck. Und ja, zwei Tage Sonnenschein, Seeblick, trockene Trails und trockene Radschuhe fühlen sich nach den Strapazen der Vortage tatsächlich wie Urlaub an. Mit dem Grauner Berg springt sogar noch ein richtig schöner Aussichtsgipfel für uns heraus und wir sind wirklich froh um unsere Entscheidung. 

Aus unserer Trans Tirol Enduro Tour wurde so schnell ein Abenteuer auf Etappen. Eine vollständige Befahrung der Route steht für uns noch aus. Im Nachgang sind wir glücklich und froh darüber, dass wir angesichts der Hürden unterwegs unsere Reise nicht vorzeitig abgebrochen haben und wir so unterschiedliche und gegensätzliche Facetten des Mountainbikes erleben durften. Der Weg ist das Ziel und ein echtes Abenteuer verläuft eben nicht nach „Schema F“. 

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