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Langlaufen, Langkofel und Südtiroler Lebensart

Feines Essen, herzliche Menschen, alpine Kultur, umtriebige Querdenker und Langlaufloipen mit der allerbesten Aussicht. Na, wo sind wir? Jawohl, in Südtirol, genauer auf der Seiser Alm. Outville verrät, warum genau auf dort euer nächster Langlauf-Ausflug hingehen sollte und wie ihr ihn am besten gestaltet.
Text & FotosChristian Wander

Redet man mit Leuten, kommt meistens etwas Unerwartetes dabei heraus. Eigentlich war der Plan heute mit der frühen Gondel auf die Seiser Alm zu fahren, um im Morgenlicht über die perfekt präparierten Loipen auf Europas größter Hochalm zu gleiten. Doch dann haben wir gestern beim Abendessen in Seis Annemarie kennengelernt und hüpfen jetzt in ihr Auto. Sie hat uns nämlich nicht nur von ihren beiden Leidenschaften Jagen und Instagram erzählt, sondern auch von ihrem Lieblings-Kaffee, der im Nachbarort Völs am Schlern geröstet wird. Wir parken an einem imposanten, mattschwarzen Gebäude mit dem Schriftzug Caroma. Es ist die Welt von Valentin Hofer, dem ersten Kaffee-Sommelier Italiens und der treibenden Kraft hinter Caroma Caffè.

Mit großer Leidenschaft und unternehmerischer Weitsicht produziert er nicht nur seit 25 Jahren qualitativ hochwertigen Kaffee, sondern versucht auch andere dafür zu begeistern. Schon früh setzte er auf ökologisch angebauten Rohkaffee, der zudem auch zu sozial fairen Bedingungen gehandelt wird. Seine Philosophie lautet: Jeder in der Wertschöpfungskette muss anständig entlohnt werden und das eben über einen höheren Verkaufspreis. „Heutzutage ist das zum Glück kein Problem mehr“, so der Südtiroler, „weil viele Kunden nicht nur Wert auf Qualität legen, sondern auch auf Nachhaltigkeit und Transparenz“. Früher gab es das Bewusstsein nicht. Hauptsache der Kaffee war billig. Inspiriert von Valentin und seiner Kaffeewelt, samt einer ordentlichen Dosis Koffein im Blut, machen wir uns auf den Weg zu den Loipen der Seiser Alm.

Langlaufparadies auf Europas größter Hochalm

Ähnlich wie bei Valentin und seinem Kaffee, war es auch bei mir Leidenschaft die mich hier her brachte. Die Leidenschaft für die Dolomiten einerseits und für das Langlaufen andererseits. Als mir Peter Räuber von Maloja letzten Winter ein Bild von sich beim Langlaufen auf der Seiser Alm geschickt hatte, mit den imposanten Rosszähnen samt Schlern im Hintergrund, war für mich klar, da muss ich unbedingt mal im Winter zum Pommeslaufen hin. Bis dato kannte ich Europas größte Hochalm nur aus dem Sommer und vom Mountainbiken, da ich sie einmal in die Route eines Dolomiten Cross eingebaut hatte. Damals wurde mir jedoch die Größendimension nicht bewusst, da wir vom Mahlknechtjoch kommend den direktesten Weg nach Sankt Ulrich in Süd-Nord-Richtung genommen haben. Dass es sich bei der Seiser Alm aber um eine Fläche von 56 Quadratkilometern handelt, so groß wie 7.843 Fußballfelder, gelegen auf einer Höhe zwischen 1.680 und 2.350 Metern,  wurde mir erst jetzt beim Langlaufen bewusst. Wir haben die Hochfläche mit insgesamt 80 Kilometer Loipen in allen Schwierigkeitsgraden auch in ihrer Ost-West-Ausdehnung erkundet. Gespurt wird für Freunde der klassischen Technik  genauso wie für Skater. Durch die Höhenlage ist das Gebiet sehr schneesicher und auch unter Langlauf-Profis sehr beliebt. So kommen die Nationalmannschaften der Italiener, Schweden und Norweger regelmäßig auf die Seiser Alm zum Höhentraining. 

Der Kaffeeflüsterer Valentin Hofer aus Völs am Schlern

Auch nach Völs in die Caroma-Zentrale kommen regelmäßig Menschen zum Trainieren – nämlich zum Kaffeetraining. Valentin Hofer liegt es sehr am Herzen, dass alle, die Kaffee zubereiten, egal ob Profi- oder Hobby Barista auch das entsprechende Fachwissen vermittelt bekommen. Denn was nützt der hochwertigste Kaffee, wenn man nicht weiß, wie man ihn zubereitet, um das geschmacklich beste Ergebnis zu erzielen. „Im schlimmsten Fall fällt es negativ auf mich und meinen Kaffee zurück“, so der Südtiroler Kaffeeflüsterer, „wenn ein Gast in einer Bar einen schlecht gebrühten Caroma-Kaffee bekommt und dann von der Qualität enttäuscht ist. Anfangs haben Hotel- und Cafe-Besitzer ihr angestammtes Personal für einen Barista Kurs zu mir geschickt. Wenn du dann jemandem, der seit 20 Jahren hinter dem Tresen an der Kaffeemaschine steht, vermitteln möchtest, dass er doch besser dieses oder jenes nicht mehr wie gewohnt machen soll, sondern ganz anders, dann stößt das oft auf keine große Gegenliebe,“ erzählt der Südtiroler. „Deshalb kooperieren wir seit einigen Jahren mit den Südtiroler Hotelfachschulen, für die wir den Nachwuchs in Sachen Kaffee ausbilden. Wir sensibilisieren sie von Anfang an für hochwertigen Kaffee und zeigen ihnen, wie sie diesen zubereiten müssen, um dem Gast ein Genusserlebnis zu verschaffen, das ihn glücklich macht. Über einen zufriedenen Gast freut sich der Barista und dann hat er auch mehr Freude an seinem Beruf.“ Das Streben nach Qualität und sozialer Verantwortung hat auch dazu geführt, dass Valentin seit 2017 zusammen mit Partnern aus Europa und Honduras ein eigenes Kaffeeprojekt in Honduras leitet. Dort werden auf zwei Hochlandplantagen Arabica-Bohnen unter ökologischen und sozial fairen Bedingungen angebaut und vor Ort weiterverarbeitet. 

Langlaufen mit der Olympia Bronzemaillengewinnerin Karin Moreder 

Zurück zur Leidenschaft, sie treibt auch Karin Moreder an.  Die sympathische Grödnerin war 15 Jahre lang in der italienischen Skilanglauf Nationalmannschaft und Bronzemedaillen-Gewinnerin bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Heute arbeitet sie im Sommer als Mountainbike-Guide und im Winter als Langlauflehrerin und -trainerin.  Auf der Seiser Alm kennt sie jeder. Als wir uns mit ihr treffen, tönt es ständig von allen Seiten „Hoi Karin, wiea goats? Loafsch huit beim Moonlight Classic mit?“ Und da erzählt sie uns, dass sie nach sieben Jahren Wettkampfabstinenz heute Abend wieder mal beim legendären Moonlight Classic Skimarathon an den Start gehen wird. Ein Jedermann-Rennen, das Hobbyläufer gleichermaßen anzieht wie Profis oder solche, die es einmal gewesen sind. Das Besondere an dem in der klassischen Technik ausgetragenen Rennens ist, dass es in einer Vollmond-Nacht ausgetragen wird. Dann flitzen bis zu 400 internationale Teilnehmer mit Stirnlampen über die 15 beziehungsweise  30 Kilometer lange Strecke, die spektakulär mit über 1.000 Fackeln ausgeleuchtet ist. 

Karin zeigt uns die 15 Kilometer Runde, die sie heute Abend im Rennen laufen wird. Start ist in Compatsch, wo auch die Gondel von Seis alle Skifahrer und Langläufer ausspuckt, die nicht direkt auf der Seiser Alm wohnen. Mit dem Schlern im Hintergrund, laufen wir im stetigen auf und ab Richtung Ritscher Schwaige, immer mit Blick auf den imposanten Langkofel und seinen Nachbarn, den Plattkofel. Beim Hotel Ritsch der Familie Malfertheiner, in dem man unbedingt auf ein Südtiroler Knödel Tris aus Spinat-, Rote Beete und Kasknödel oder Schüttelbrot-Tagliatelle einkehren sollte, treffen mehrere Loipen aufeinander. Sportlich starke Läufer können von hier aus in die schwarze Panorama und Joch Loipe einsteigen, die wie der Name schon sagt, ein großartiges Panorama versprechen, da man hier die  2.000-Meter-Marke knackt. Für Genussläufer bieten sich die beiden blauen Loipen Möser und Wolfsbühel an. Sie ziehen sich über weite, sanft geschwungene Almlandschaften, die mit kleinen Wäldchen und urigen Almhütten gespickt sind. Hier hinten im östlichen Teil der Seiser Alm findet sich deutlich weniger Infrastruktur als rund um Compatsch. Dementsprechend ursprünglicher und ruhiger geht es hier zu und nichts lenkt mehr ab von dem Panorama, das zurecht Unesco Weltkulturerbe ist. Außer vielleicht ein paar Einheimische, die einen auf einen Schnaps in ihre Hütte einladen.

Die herzliche und unaufgesetzte Art der Südtiroler hat mich schon immer begeistert, genau wie ihre Liebe zu ihren eigenen Produkten und dem, was sie auf hohem Niveau daraus herstellen. Dass diese alpine Lebensart dann auch noch in den Dolomiten beheimatet ist, einer, der für mich beeindruckendsten Landschaften, finde ich einfach nur großartig. Deshalb komme ich immer wieder gerne zurück. Ab jetzt nicht nur zum Mountainbiken, sondern auch zum Langlaufen.

Fotos: Armin Mayer und Christian Wander

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