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Unvergessliches Bikerlebnis für die ganze Familie

Nicht so viele Höhenmeter und regelmäßig leckeres Essen, das sind die wichtigesten Dinge, die man beim Biken mit Kindern beachten sollte, findet Holger Meyer. Wenn die Gegend dann noch ein Museum oder eine spannende Legende auf Lager hat, umso besser! Wo also besser Biken mit Kids, als in den Dolomiten?

Die Soldaten im Schützengraben schauen böse. Der Kommandant sitzt am Tisch in einem Unterstand und telefoniert. Im Lazareth Zelt liegen zwei Verletzte und warten auf Versorgung. „So war das im ersten Weltkrieg an der Front?,“ fragt Leni mit großen Augen. Lois macht sich immer noch Gedanken über die zwei Verletzten.

Vielleicht ist das hier aufgebaute Kriegsmuseum sogar das beste Freilichtmuseum der Welt. Es liegt direkt am Fuße der Cinque Torri mit Ausblicken auf den Lagazuoi und die Tofane von Cortina d'Ampezzo. Die untergehende Sonne taucht die vier Türme über uns in ein orange rötliches Licht. Der fünfte Felsturm ist 2004 durch Erosion eingestürzt – der Name Cinque Torri blieb trotzdem. Normalerweise sollte man zu diesem Zeitpunkt schnell runter vom Berg, denn bald ist es finster. Heute aber ist ein bisschen Geschichtsunterricht angesagt. Und wir dürfen oben bleiben. Auf der Scoiattoli Hütte – zu Deutsch „Eichhörnchen“ – haben wir unser Lager bezogen am zweiten Tag unserer Dolomitendurchquerung mit Kindern. Mit Kindern in den Bergen biken heißt: Möglichst wenig quälende Höhenmeter einbauen, nicht zu technische Abfahrten wählen und spannende Hüttenübernachtungen raussuchen. Das bedeutet im Vorfeld etwas mehr Zeit in die Planung zu investieren, als wenn man mit den Kumpels loszieht. Das wird allerdings mit einem bleibenden Ferienerlebnis für die ganze Familie belohnt.

Kinder selbst Erfahrungen sammeln lassen

Unsere Route startet im Grödnertal. In Wolkenstein nehmen wir die Kabinenbahn auf den Gipfel des Ciampinoi. Mit herrlichem Blick auf den Langkofel schießen wir auf einem Forstweg Richtung Plan de Gralba. Zwei neugebaute familienfreundliche Bikestrecken haben es unserem neunjährigen Lois gleich angetan. Auch unsere zwölf Jahre alte Tochter Leni kann sich das Grinsen nicht verkneifen, und schon sitzen wir alle nochmals in der nagelneuen Seilbahn mit Designersitzen. Auf der Jump Line kann man es in den Sprüngen richtig krachen lassen, die Steilkurven sind perfekt geformt und die Sprünge kommen wie in einem Videospiel auf uns zu. Auch ich juchze laut auf vor Freude, Karen und Leni höre ich hinter mir quietschen, und ich probiere am Hinterrad von Lois zu bleiben. Ein zwei Kurvenkombinationen, noch habe ich ihn ihm Blickfeld, ich will überholen, aber Lois macht die Ideallinie zu. Keine Chance. Damit, dass die Kinder mehr Gas geben, müssen sich Väter wohl irgendwann zurechtfinden. Auch für uns eine neue Erfahrung. Risikomanagement, heißt das glaube ich. Karen und ich blicken zwar auf viel eigene Erfahrung als Bikeprofis zurück, aber wann schreit man „Stop“ wenn der Nachwuchs loslegt? Man will ihnen keine Angst machen und ihnen ihre kindliche Unbeschwertheit gönnen, aber hat auch keine Lust seine Ferien in der Notaufnahme irgendeines Krankenhauses zu verbringen. Karen ruft die Kinder, wenn sie mit ihnen allein unterwegs ist, eher zurück als ich. Das ist auch gut so. Kinder loten ihre Grenzen aus. Wenn ich dabei bin, darf es etwas mehr, weiter oder höher sein, dann mischt sich Karen auch nicht ein. Wichtig ist, dass die Kinder lernen, sich und ihr Können selbst einzuschätzen und dass die Eltern dieselbe Sprache sprechen. Nach dem größten Sprung ruft Lois: „Darf ich den nochmal springen fürs Foto?“ Ich sage ja, während Karen hinter ihm mit dem Kopf abwinkt. Der Kleine nimmt Anlauf, Karen macht die Augen zu und ich ein Foto. Der Sprung gelingt und alle sind glücklich. Wie war das jetzt mit derselben Sprache?

Mit Flow um den Sella Stock

Nach ein paar Abfahrten ziehen wir weiter auf unserer Tour. Wir wollen zum Grödner Joch. Unser Plan ist, einen Teil der Sella Ronda zu fahren. Viele kennen sie vom Skifahren, aber auch im Sommer ist die Runde in absolutes Natur Highlight. Für die Tour um den Sella Stock muss man allerdings die richtige Richtung wählen, sonst hat man mit erheblichen Höhenmeter bergauf und Protest von den Kindern zu rechnen. Wir machen alles richtig und fahren im Uhrzeigersinn. Auf einem Flowtrail, der sich mit vielen Steilkurven und Bodenwellen wie eine Murmelbahn den Berg hinunterschlängelt, geht es hinab ins Gader Tal. Achterbahnfeeling inklusive.

Von Corvara rollen wir entspannt auf dem Radweg flussabwärts nach Pedraces in Alta Badia. Hier müssen wir den letzten Sessellift erwischen, sonst heißt es hochstrampeln. Lois Gesichtszüge verhärten sich als er auf die Uhr schaut: Es könnte knapp werden. Wir treten also ordentlich in die Pedale. Lois wird erst wieder locker als wir alle im Vierer Sessel Richtung Heilig Kreuzkofel gleiten. Er hasst es, zu spät zu kommen... vor allem wegen der drohenden Höhenmeter. Oben erwartet uns ein fantastischer Ausblick auf die Marmolada und den Sella Stock, die Sonne geht langsam unter und die Kirchenglocken der 500 Jahre alten Kapelle läuten uns zum Abendessen.

Warum Laurin fürs Alpenglühen verantwortlich ist

Die mächtige Felswand des Kreuzkofel leuchtet angestrahlt von den letzten Sonnenstrahlen in orange auf uns herab. Dieses Phänomen ist weltweit bekannt und heißt in der ladinischen Sprache Enrosadira, auf deutsch Alpenglühen.Der Sage nach hatte Zwergenkönig Laurin einen wunderschönen Rosengarten, auf den er sehr stolz war. Das Einzige, was ihm zum seinem Glück fehlte, war eine Gemahlin. Bei einem Ritterwettkampf verliebte er sich in die hübsche Similde und entführte sie mithilfe einer Tarnkappe in seinen Rosengarten. Doch den Rittern gelang es anhand der Bewegung der Rosen Laurin aufzuspüren und ihn gefangen zu nehmen. Laurin fühlte sich von seinem Rosengarten verraten und verfluchte ihn: Kein Mensch sollte ihn je wieder zu Gesicht bekommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Er hatte allerdings die Dämmerung vergessen. Daher kann sein Rosengarten bei Sonnenaufgang und -untergang immer wieder neu erblühen – in Gestalt des berühmten Enrosadira.

Vom Heiligkreuzkofel zu den Cinque Torri

Liebevoll empfängt uns die Familie des Heiligkreuzkofel Hospizes mit riesigen Portionen dampfender Spaghetti und Polenta. Die Kalorienzufuhr ist auf jeden Fall höher als das was wir im Lift verbraucht haben. Gut geschlafen verstauen wir am nächsten Morgen unsere Sachen wieder im Rucksack und rollen weiter. Heute geht die Route Richtung Falzarego. Wir winken dem Kreuzkofel über uns zu und fahren auf einem wunderschönen Wanderweg der uns durch verzauberte Lärchenwälder bergauf, bergab bis nach San Kassian führt. Von hier nehmen wir die gelbe Eier-Gondel auf den Piz Sorega. Während die erschöpften Eltern Rast im Liegestuhl machen, nehmen die Kinder den Wasserspiele Park an der Bergstation direkt unter die Lupe. Totale Entspannung! Aber mit den auch dort neu gebauten Bikestrecken locken wir die Kinder schon bald wieder aufs Bike.

Die Abfahrten machen jede Menge Spaß, und sind wie beim Skifahren in Farben unterteilt. Je nach Schwierigkeitsgrad, blau ist leicht, rot ist mittel und schwarz tut weh. Gegen halb vier überwinden wir im Shuttle bequem die anstehenden Höhenmeter zum Falzarego Pass. Oben angekommen springen wir auf die Bikes und entfliehen dem geschäftigen Gewusel an Wanderern und Touristen. Wir schlagen uns in den neben der Passstrasse verlaufenden Pfad, und dieser spuckt uns nach einigen wurzeligen Schlüsselstellen und Bachquerungen direkt am Sesselift Cinque Torri aus. Wir haben Glück und kommen zehn Minuten vor Dienstschluss an die Station gerollt. Oben ausgestiegen, checken wir unser Nachtlager auf der Scoiattoli Hütte und erkunden dann die Umgebung bis zum Abendessen. Das Kriegsmuseum ist bei den Kids der absolute Renner. Kurz vor Dunkelheit sitzen wir aber beim Abendessen und lassen den Tag Revue passieren.

Eine der schönsten Trailabfahrten der Dolomiten

„Wie lange noch?“ habe ich jetzt schon zum dritten Mal gehört. Karen übernimmt und schiebt das Rad von Lois. In der Zwischenzeit motiviere ich Leni: „Maus, es ist nur noch eine Kurve dann sind wir oben“. Das sage ich doch immer, denke ich. Meistens sind es dann doch ein paar Kurven mehr und es gibt einen Aufstand. „Gestern Abend sah der Anstieg gar nicht so steil aus,“ jammern die Kinder im Chor. Diese Passage der Tour kannte ich schon von der Bike Transalp, und die Kinder haben Recht, der Schotteranstieg zum Rifugio Averau hat es trotz seiner wenigen Höhenmeter echt in sich. Oben angekommen ist alles Gemotze vergessen. Die Aussicht auf die weißen Gletscherflanken der Marmolada und die von mir versprochene lange und spaßige Trailabfahrt durch endlose Edelweißfelder hat die Kinder besänftigt. Ich aber mache mir Sorgen: Was wenn da nun kein Edelweiß mehr ist? Nach ein paar Trailmetern bergab der erste Aufschrei. Oh nein, was ist passiert? Ah, Entwarnung: Es ist ein Edelweiß gesichtet worden. Der Tag ist gerettet. Nach dem etwas felsigen Dolomitengestein rollen unsere Stollenreifen nun auf grüner Wiese dahin. Langsam arbeiten wir uns tiefer in den Wald hinein. Wir befinden auf einer der schönsten und längsten Trailabfahrten der Dolomiten, der Strada del Vena. Die Strecke ist schnell und vom Regen ganz schön ausgewaschen, ich fahre voraus und gebe die Geschwindigkeit vor, aber ganz ehrlich, etwas Nervosität fährt immer mit. Ab einer gewissen Grundgeschwindigkeit weichen diese Gedanken. Kurze Stopps zur Orientierung sind wichtig, auch um den Kids die Möglichkeit zu geben, die Hände etwas zu lockern, denn auf dem Trail rappelt es schon anders als auf den gebauten Strecken der Skigebiete. Ich warte immer so lange bis sich alle gesammelt haben und sich über die Highlights der letzten Meter ausgetauscht haben. Wir rollen durch einen kleinen Weiler und biegen nach der letzten Scheune in den Trail ein, aber was ist da los? Eine breiter Radweg hat das ehemals schmale Trailband ersetzt und lässt eine Art „Meuterei auf der Bounty“ aufkommen. „Voll langweilig“ gähnen die Kinder. Ein paar Kilometer später steigt die Laune dank heißer Schokolade im Cafe wieder.

Essen nicht vergessen!

Das ist eine der essentiellen Erfahrungen unseres viertägigen Familien Trips über die Dolomiten: Regelmäßiges Essen nicht vergessen! Kinder merken nicht, wenn sie Hunger haben und fahren sich gerne in den Hungerast, solange der Spielsinn gefordert ist. Aber wenn es dann langweilig wird, ist die Stimmung ganz schnell im Keller, so wie vorhin. Im unteren Teil der Abfahrt kommen dann doch ein paar Trailleckerbissen auf uns zu, und schon johlen die Kids wieder, und außerdem ist das Mittagessen nicht mehr weit.

Von Arrabba gelangen wir wieder auf die Spur der Sella Ronda. Am Passo Pordoi geht es über den Infinity Trail hinab ins Fassatal nach Campitello, hier könnte man noch einige Bikeparkrunden auf den Strecken von Canazei dranhängen, aber wir sind spät dran. Wir wollen die letzte Gondel auf den Col Rodella erwischen. Spät abends rollen wir wieder in Wolkenstein ein. Es ging doch wieder länger als erwartet, aber alle sind glücklich und wollen nur noch eins: Pizza!

Fotos: @Andreas Vigl

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