Sellrainer Hüttenrunde 

„Das ganze Tal ist ein Wellnessbereich!“

Das Sellraintal in Tirol war schon nachhaltig, lange bevor der Begriff in Mode kam. Heute gehört es zu den Bergsteigerdörfern. Auch deshalb ist die Sellrainer Hüttenrunde ein einzigartiges Naturerlebnis. 

Alois „Luis“ Melmer ist ein Pionier. Allerdings keiner im alpinistischen Sinne, auch wenn er viele Berge seiner Heimat bestiegen hat. Seine Heimat ist Praxmar, eine winzige Siedlung auf 1.700 Metern im Lüsental, ein Seitental des Sellraintals. Der 74-Jährige ist ein Pionier in Punkto Nachhaltigkeit: Er hat schon für Umweltschutz gekämpft, lange bevor Berichte über Fridays for Future und Greta Thunberg die Medien beherrschten. 

„Sohn demonstriert gegen seinen eigenen Vater“, stand damals in den 80er Jahren in der regionalen Zeitung. Der Sohn war Luis Melmer und er protestierte mit einer Skitour auf die Lampsenspitze gegen die Skilifte, die sein Vater in Praxmar gebaut hatte und von denen er gemeinsam mit einem Investor noch viele mehr bauen wollte. Lifte, die in den Augen des Vaters den Wohlstand im Tal sichern sollten. Luis hatte zwar seine Sportbegeisterung geerbt und wusste, dass der Alpengasthof Praxmar, den er ebenfalls eines Tages erben sollte, ohne den Tourismus nicht überleben würde. Trotzdem wollte er dem Trend ums alpine Skifahren nicht hinterherlaufen. „Jeder hat mich belacht. Was machst du im hinteren Tal mit deinen Skitourengehern? Diese Rucksacktouristen können sich eh nichts leisten,” erzählt Luis dem Fotografen Daniel Hug und mir nach unserer zweiten Etappe der Hüttenrunde in der Stube des Alpengasthofs. Die Familie Melmer führt diesen nun schon in der 22. Generation und das obwohl Luis die Lifte seines Vaters schlussendlich tatsächlich abgebaut hat. Oder vielleicht gerade deswegen? Wie dem auch sei: Früher wurde er ausgelacht, heute hat Luis gut lachen. Der sanfte Tourismus boomt, und das nicht nur im Winter.

Bekannt als Skitourengebiet 

„Hat das Sellrain im Sommer überhaupt auf?“ hat meine Skitourenfreundin Andrea gewitzelt, als ich sie vor zwei Tagen am Bahnhof traf und ihr erzählte, dass ich ins Sellrain fahre, um die Hüttenrunde zu gehen. Jetzt Anfang August, mitten im Sommer. In sieben Etappen, knapp 80 Kilometern und 5.700 Höhenmetern von Sellrain aus, in alpinem und hochalpinem Gelände, vielleicht mit dem ein oder anderen Gipfelabstecher. Vor 40 Jahren hat Luis lange bevor es Trend wurde voll aufs Skitourengehen gesetzt, heute hat das Tal bis zum Münchner Hauptbahnhof und weit darüber hinaus den Ruf DAS Skitourenparadies Tirols zu sein. Die Richtung, die Luis damals einschlug, geht das Tal bis heute. Seit 2013 gehören die Orte Sellrain, St. Sigmund und Gries mit den umliegenden Weilern und Siedlungen zu den Bergsteigerdörfern. Die Initiative Bergsteigerdörfer hat der österreichische Alpenverein 2008 mit zehn Orten gestartet. Nach und nach stießen die Vereine aus Deutschland, Südtirol, Slowenien und Italien dazu. Mittlerweile sind 29 Dörfer und Ortsverbünde in vier Ländern dabei.

Wer Urlaub in einem Bergsteigerdorf bucht, kann wie ich bequem und ohne Stau mit Bahn und Bus anreisen und sich sicher sein, dass er auch vor Ort kein Auto braucht. Er kann sich darauf verlassen, dass er in Gasthöfe einkehrt, die regionale Küche von lokalen Nahversorgern auf den Tisch bringen. Bevor sich Luis zu Daniel und mir an den Tisch gesellte, konnten wir uns beim Hirschragout aus eigener Jagd und der Forelle aus dem eigenen Fischteich von der konkreten Umsetzung dieser Regeln für Bergsteigerdörfer überzeugen.

Als wir am nächsten Morgen Richtung Westfalenhaus aufbrechen, sehen wir, welche Schönheit Luis Melmer durch die Rebellion gegen seinen Vater bis heute bewahrt hat. Durch einen satt-grünen Zirbenwald mit bis zu 600 Jahre alten Bäumen steigen wir hinauf und entdecken schon nach wenigen Minuten die ersten Rehe. Im Laufe des Tages betreiben wir lustiges Artenraten von Alpenrose bis Edelweiß. „Wenn es in Tirol keine Nischen mehr gäbe wie das Sellraintal, dann müssten wir noch ein paar Krankenhäuser bauen“, hat Luis gestern Abend gesagt. „Die Menschen sind krank vom Stress, unsere Natur, unsere Berge helfen ihnen. Das ganze Tal ist unser Wellness-Bereich.“

Während ich über Luis nachdenke, wandern wir dahin mit Blick auf den 3.298 Meter hohen Lüsener Fernerkogel und auf seine Gletscherrampe. Kein Liftmast, keine Gondelstation versperrt die Sicht auf das markante Wahrzeichen des Tals. Auch jetzt im Hochsommer glitzern uns letzte Schneereste entgegen. Kleine Bäche schlängeln sich weg von den weißen Punkten, fallen staubend die Gletscherrampe hinab, um im Talboden vereint durch den Kies zu meandern. Wie es hier wohl vor 15.000 Jahren ausgesehen haben mag als die Gletscherrampe noch Eis bedeckt war? Hinter dem Lüsener Fernerkogel verbirgt sich immer noch ein Gletscher, der Rotgratferner. Wir atmen klare Bergluft, frisch und feucht, vom Regen heute morgen – keine Fabrik, keine Firma in der Nähe, die sie verpesten könnte. Die Kriterien der Bergsteigerdörfer erlauben weder eine Anbindung an ein großes Skigebiet, noch das Vorhandensein von Industrie. Orte oder Ortsverbünde, die Bergsteigerdörfer werden wollen, müssen nicht nur ein historisch gewachsenes Dorfleben vorweisen und einen Mindeststandard für naturverträglichen Bergtourismus erfüllen, sondern auch bereit sein, weiter in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen.

Die Entstehung der Bergsteigerdörfer 

„Man muss als Gast ein paar Abstriche machen, oftmals ist es eben kein Luxusurlaub. Dafür bekommt man eine ganz besondere Herzlichkeit und ein außergewöhnliches Naturerlebnis,“ hat mir Marion Hetzenauer, die beim österreichischen Alpenverein für die Bergsteigerdörfer zuständig ist, am Telefon erzählt. Schon am ersten Tag der Hüttenrunde nach unserem Start in Sellrain, wusste ich, wovon sie spricht – an den beiden letzten Tagen werde ich sehen, wie es anders sein kann. Etappe sechs und sieben touchieren das Skigebiet Kühtai – zum Glück nur kurz. Denn was angezuckert und eingeschneit noch ganz hübsch aussehen mag, wirkt verlassen und grün-braun dann oft doch ein bisschen trostlos. Die Grundlage für die besondere Gastfreundschaft in den Bergsteigerdörfern und das sanfte Tourismuskonzept ist ein ziemlich theoretisches Schriftstück: die Alpenkonvention. Der völkerrechtliche Vertrag wurde 1991 in Salzburg von den Umweltministern der Alpenländer unterzeichnet. Acht Alpenanrainerstaaten verpflichten sich darin zum umfassenden Schutz und einer nachhaltigen Entwicklung der Alpen. Doch was sind schon Ministerbeschlüsse, niedergeschrieben für Juristen und Regierungen, solange sie nicht konkret umgesetzt und für uns Normalos nicht greifbar werden? Das dachte sich Peter Haßlacher, der in den Gremien der Alpenkonvention saß und die Idee für die Bergsteigerdörfer hatte. Eine Idee, die heute so modern ist wie nie, meint Marion Hetzenauer: „Der Zeitgeist spielt uns in die Hände. Klimawandel, Klimakrise, wie geht nachhaltiges Verhalten oder umweltfreundliches Urlauben? Diese Themen poppen an allen Ecken auf und das ist gut für uns, weil wir ein fertiges Paket haben. Wir sprechen damit eine junge Zielgruppe an, die wir als Alpenverein lange nicht so gut erreicht haben."

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Wie jung diese neue Zielgruppe ist, merken Daniel und ich als wir im Westfalenhaus auf 2.273 Metern ankommen. Mittlerweile ist ein Gewitter aufgezogen, alle versammeln sich in der Stube – auch Daniel und ich gönnen uns einen Kaiserschmarrn. Um uns herum eine Familie mit drei kleinen Töchtern, eine Gruppen Studienfreundinnen, zwei Arbeitskollegen, drei erwachsene Geschwister. Die Zeiten als Wandern und Bergsteigen langweilig, alt und männlich waren, sind definitiv vorbei. Das findet auch Rinaldo de Biasio, der Wirt vom Westfalenhaus: „Ich bin seit 1993 hier, eine halbe Ewigkeit. Niemals hätte ich gedacht, dass es so kommt.“ Lange war der Winter die stärkere Saison, doch durch die Hüttenrunde zieht seit drei Jahren auch der Sommer an.

Bald lösen sich die Gewitterwolken auf. Wir füllen unsere Flaschen am Gebirgsbach vor der Tür und starten zu einem kurzen Abendspaziergang durch dampfende, gelbgetupfte Almwiesen vorbei an der kleinen Kapelle des Westfalenhauses hinauf zur Münsterhöhe auf 2.508 Metern. Die Hütte ist ausgebucht, doch hier oben am Eichenkreuz sind wir allein. Die untergehende Sonne taucht den Längentalferner und seine Firnfelder in rosafarbenes Licht. Inspiriert vom Ausblick beschließen am nächsten Tag noch einen Abstecher auf den 3.005 Meter hohen Zischgeles zu machen, bevor es weiter zur Pforzheimer Hütte geht. Wir werden ziemlich schwitzen, aber die Anstrengung wird sich lohnen. Wir werden erst durch saftige Almwiesen spazieren und in eiskalte Bergseen springen, später dann durch die Steinwüste zum Gipfel kraxeln und eine atemberaubende Aussicht auf die Stubaier Alpen genießen. Außer Murmeltieren und anhänglichen Schafen werden wir nicht viele treffen. Wir werden über Gott und die Welt reden. Die große Fragen des Lebens. Wir werden keinen Handyempfang haben. Wir werden raus sein. Ganz weit weg von Stress und Hektik. Nur hier im Moment. Wir werden im Lager der Pforzheimer Hütte schlafen wie Babies. Ja, das ist wirklich Wellness, wie Luis Melmer sagt. Das ist sogar noch viel besser als Wellness. 

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