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„Kreativität setzt die Bereitschaft gnadenlos zu scheitern voraus“

Der Allgäuer Fotograf Christoph Jorda verbindet Outdoorfotografie mit Fotoreportagen aus Krisengebieten, spektakuläre Skishots mit berührenden Bildern von Menschen auf der Flucht. Was für andere überhaupt nicht zusammenpasst, ist für ihn die Quelle seiner Kreativität. Für beides hat er Preise gewonnen. Outville hat Christoph interviewt.

Outville: Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Christoph Jorda: Als ich noch ein Kind war, hat mir mein Opa eine Kamera geschenkt – das war ein bisschen der Startschuss. Denn mein Interesse für Fotografie ist schon immer irgendwie da, solange ich denken kann. Nach dem Realschulabschluss habe ich eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht – nicht aus Leidenschaft oder Überzeugung, sondern aus Planlosigkeit, weil ich wie viele mit 16 Jahren noch nicht so genau wusste was ich will. Es war die totale Hölle –  in einem Kurhotel mit Gästen, die im Schnitt 70 Jahre alt waren – ich habe furchtbar viele Überstunden gemacht. Mir war schon nach dem ersten Jahr klar, dass ich nicht im Hotelfach bleiben möchte. Aber ich habe es durchgezogen und nach der Ausbildung erstmal ein halbes Jahr auf Fuerteventura als Animateur gearbeitet. Nebenher habe ich ein bisschen Fotos gemacht, ein Schweizer Fotograf hat mir ein paar Tipps gegeben. Als der Robinson Club dann eines meiner Bilder als Werbung am Flughafen verwendet hat, wurde mir klar, dass ich mit der Fotografie was erreichen kann.

Du hast dich aber gegen eine konventionelle Fotoausbildung entschieden, warum?

Ich habe mich auf verschiedenen Kunstschulen beworben – und die hätten mich auch genommen. Ich wollte aber lieber ins Ausland, nach Norwegen, nur hätte dort die Schule furchtbar viel Geld gekostet. Also bin ich daheim in Kaufbeuren geblieben und habe dort von einem Freund den Bergsportladen übernommen. Ich hatte also ein sicheres Einkommen. Ich war weiter mit meinen Freunden in den Bergen unterwegs. Irgendwann wurde der eigene Spaß dabei immer weniger wichtig und das Foto, das am Ende herauskommt, immer wichtiger. Irgendwann habe ich meine fünf großen Helden angeschrieben – die Outdoor-Fotografen, die ich am besten fand, und sie gefragt, ob ich ihnen assistieren dürfte.

Bereust du es manchmal, keine “richtige” Ausbildung gemacht zu haben?

Nein. Ich habe meine Bilder ein paar Fotoprofessoren gezeigt und die haben mir damals gesagt, ich solle besser nicht in eine Schule gehen. Sie sagten, mein Stil sei schon gut erkennbar und auf der Schule versaut man sich den eher. Da kann man eben nicht machen, was man selbst machen möchte oder gut findet, sondern muss das machen, was dem Lehrmeister gefällt. Ich glaube, entweder du hast es oder du hast es nicht – das Talent. Trotzdem braucht jeder einen Meister – für den einen ist das die Schule, für mich waren es andere Fotografen. Ich bin nicht so der Schultyp, ich bin lieber draußen und probiere Sachen selbst aus.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Dunkel, kontrastig, dreckig, verschwommen… Mir ist wichtig, dass ein Bild Dynamik hat. Für mich hat Fotografie viel mit Gefühlen zu tun – das ist es, was ich versuche dem Betrachter näher zu bringen. Ich will nicht fotografieren was ich sehe, sondern was ich fühle. Auch bei Skifotos zum Beispiel wird es für mich erst spannend, wenn die Sonne weg ist. Mir bedeuten vor allem die Bilder etwas, in denen viel Herzblut steckt. Kreativität setzt nun mal die Bereitschaft gnadenlos zu scheitern voraus.

Du reist zum Teil auf eigene Faust in Krisengebiete, hast mit ZimRelief eine eigene Hilfsorganisation – wie bist du zum Fotojournalismus gekommen?

Reportagefotografen, die in Krisengebieten unter den schwierigsten  und gefährlichsten Bedingungen arbeiten, waren von Anfang an meine größten Helden.

Ein Sandkasten-Freund hat dann irgendwann Gründungsmitglieder für eine Hilfsorganisation in Simbabwe gesucht. Er war genervt davon, dass der arrogante Europäer immer überall mit seinem Geld wedelt und so tut, als wüsste er wie der Hase läuft. ZimRelief verfolgt einen anderen Ansatz. Es wird komplett von Einheimischen geleitet nach dem Motto: Helfen auf Augenhöhe. 2008 bin ich zum ersten Mal mit nach Simbabwe gefahren – das war eine intensive, spannende aber auch gefährliche Erfahrung.

Was geben dir solche Reisen in Krisengebiete?

Ich kann alle meine Talente ausspielen: Socialisen, Kontakte knüpfen, reden oder  abschätzen wie gefährlich Situationen sind. Man spricht selten die Sprache, muss aber dennoch innerhalb von Sekunden ein Gefühl für die Menschen entwickeln und ein Teil von ihnen werden. Die Fotografie selbst macht dann vielleicht fünf Prozent aus. Die Menschen dort haben nichts, aber teilen alles mit dir – egal ob in Nepal oder in der Müllstadt in Kairo. Ich fliege jetzt bald nach Kenia und in den Südsudan, um dort die Hungersnot zu dokumentieren – und das klingt jetzt richtig blöd, aber ich freue mich schon sehr. Es erdet mich und bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn ich dann zurück auf meinen Ausstellungen und Vorträgen sehe, wie meine Fotos und Geschichten die Menschen berühren oder sogar ihr Bewusstsein verändern, dann habe ich das Gefühl selbst etwas geben zu können. Mir ist es wichtig, mit meinem Talent etwas Sinnvolles anzustellen und ein bisschen was, von dem Paradies aus dem ich komme abzugeben.

Wie verarbeitest du das Leid, das du auf diesen Reisen siehst?

Es trifft mich ja nicht unvorbereitet. Ich fahre dorthin um genau diese Erfahrung zu machen und zu dokumentieren. Und vor Ort benutze ich die Kamera als Mauer – da sehe ich es von der künstlerischen Seite. Es trifft mich erst dann richtig hart, wenn ich wieder zurück bin in meinem Häuschen im schönen Allgäu mit Bergblick und 4000 Bilder durchgehe. Mir hilft dann Ausdauersport, aber auch der Austausch mit meiner Partnerin oder auf meinen Vorträgen.

Wie finanzierst du dir solche Trips?

Natürlich mache ich mit der Lifestyle-, Sport- und Outdoor-Fotografie den Großteil meines Geldes. Aber ich habe von Anfang an versucht, nichts zu machen worauf ich keinen Bock habe. Nur einmal habe ich einen Job für eine Firma angenommen, nur weil ich unbedingt den Namen in meinem Portfolio haben wollte – die Fotos sind prompt richtig schlecht geworden. Wenn man nur von einem Werbetermin zum anderen rennt, dann entwickelt man sich nicht weiter, dann brennt man aus – auch wenn man damit natürlich auf der finanziell sicheren Seite wäre. Bei meinen fotojournalistischen Projekten hau’ ich das Geld auf den Kopf, das ich mit der Outdoorfotografie verdiene.

Hast du Tipps für Leute, die auch in die Fotografie wollen?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung wie das heute gehen soll, wenn man nicht schon Instagram-Star ist. Ich hatte das Glück noch die letzten Reste eines funktionierenden Printjournalismus mitzubekommen. Ich habe auch noch analog fotografiert, da habe ich gelernt effektiv zu arbeiten. Das Internet macht es nicht leichter – weniger Auflösung, weniger Geld… Heutzutage muss man auch ein halber Rechtsanwalt sein und zwanzigseitige Verträge verstehen, da verliert man schnell die Lust. Man braucht Glück, muss die richtigen Leute treffen, aus der Masse stechen und seinen eigenen Stil entwickeln.  

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