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Wenn aus zwei Tagen plötzlich einer wird

21 Kilometer, 1.400 Höhenmeter, zwei Gipfel und ein klarer Plan: Gemeinsam mit seinem Sohn will Christian Wander das Estergebirge durchqueren und auf der Weilheimer Hütte übernachten. Doch manchmal kommt es in den Bergen anders als gedacht – und am Ende wird aus dem geplanten Hüttenabend ein ziemlich langes Micro-Abenteuer.
Text & FotosChristian Wander
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Seit sieben Jahren schaue ich so gut wie jeden Tag aufs Estergebirge und die Hohe Kiste. Noch viel länger nehme ich mir vor, es endlich einmal zu Fuß zu durchqueren. Jedes Jahr aufs Neue. Jetzt hat es geklappt. Wobei: Ganz so, wie wir uns das vorgestellt hatten, dann doch nicht.

Wer von München Richtung Garmisch fährt, lässt das Estergebirge meistens links liegen. Verständlich – schließlich locken Zugspitze, Alpspitze, Eibsee, Wank und Hausberg. Entsprechend kann es dort an schönen Wochenenden und in den Ferien ziemlich voll werden. Wer dagegen auch mit etwas weniger Trubel und Infrastruktur am Berg klarkommt, sollte dem Estergebirge eine Chance geben.

Der rund 101 km² große Gebirgszug liegt zwischen dem Eschenlainetal im Norden und Garmisch-Partenkirchen im Süden, sowie dem Loisachtal im Westen und dem Isartal im Osten. Zu den bekanntesten Gipfeln gehören Krottenkopf, Bischof, Hoher Fricken, Hohe Kiste, Simetsberg und Wank. Der Krottenkopf ist mit 2.086 Metern zugleich der höchste Gipfel des Estergebirges.

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Da der Gebirgszug entlang der Bahnlinie München–Garmisch verläuft, bietet sich eine Durchquerung geradezu an. Je nach Route und Kondition lässt sie sich an einem Tag schaffen. Wer es entspannter angehen möchte, kann die Tour auf zwei Tage verteilen und auf der Weilheimer Hütte übernachten.

Genau das ist unser Plan. Früh los, solange es im Tal noch nicht ganz so heiß ist, anschließend den restlichen Tag auf knapp 2.000 Metern verbringen, kühle Getränke auf der Hüttenterrasse, Kniffel spielen und das Panorama über die Karstlandschaft hinweg Richtung Karwendel, Herzogstand und Benediktenwand genießen. Am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang auf den Krottenkopf und anschließend über die Hohe Kiste und das Pustertal nach Eschenlohe.

Ein kleines Micro-Abenteuer zum Start in die heißen Sommerferien. Soweit der Plan meines Sohnes Lolo und mir.

Wir entscheiden uns, von Farchant über den Oberauer Steig Richtung Niederer Fricken und Frickenkar aufzusteigen. Von dort wollen wir die Westflanke des Bischofs queren und weiter zur Weilheimer Hütte laufen. Der Wegweiser unten im Tal gibt fünf Stunden Gehzeit an.

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„Brauchen wir wirklich fünf Stunden?“, will Lolo wissen und schaut mich erwartungsvoll an.

„Nein, natürlich nicht“, antworte ich mit einem leichten Grinsen. Wohlwissend, dass wir mit unseren Rucksäcken, Hüttenschlafzeug und knapp vier Litern Wasser auch keine Bergauf-Raketen sein werden. Dreieinhalb Stunden gebe ich als grobe Richtzeit aus. Wehe dem, es dauert länger.

Der Aufstieg durch den steilen Bergwald ist trotz der Wärme im Tal zunächst angenehm. Immer wieder lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf Zugspitze, Kramer und Loisachtal frei. Serpentine um Serpentine schlängelt sich der schmale Wanderpfad durch die steile Nordflanke von Hohem und Niederem Fricken nach oben.

Wir laufen durch hüfthohes Gras, Farne und Blumen, um uns kreisen Schmetterlinge und Insekten, daneben fallen steile Schotterreißen teilweise fast senkrecht ins Tal ab. Die Stimmung ist gut, wir kommen ordentlich voran und sind mehr oder weniger alleine unterwegs. Genau so hatten wir uns das vorgestellt.

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Nur eine Sache beschäftigt Lolo: Bekommen wir auf der Hütte überhaupt einen Schlafplatz?

Mein Versuch, den Hüttenwirt am Vortag telefonisch zu erreichen, um einen Schlafplatz für uns klarzumachen, war leider erfolglos geblieben. Da wir unter der Woche unterwegs sind und früh dran sein wollen, bin ich trotzdem recht zuversichtlich.

Auf Höhe des Frickenkars verlassen wir den Bergwald. Vor uns öffnet sich eine kleine Almfläche mit großartigem Blick über das Murnauer Moos und den Staffelsee bis zu den Ammergauer Alpen. Später, am Sattel unterhalb des Bischofs, kommt die Weilheimer Hütte in Sicht.

Noch einmal Pause. Zugspitze, Hoher Fricken, Krottenkopf und das Isartal mit dem Karwendel liegen vor uns.

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3:38 Stunden.

Meine Prognose war also ziemlich gut. Zumindest bis zu dem Moment, als wir die Terrasse der Weilheimer Hütte betreten. Es ist ruhig. Außer uns sind gerade einmal fünf weitere Wanderer da. Das sollte doch mit dem Schlafplatz klappen. Der Hüttenwirt kommt auf uns zu.

„Wollt ihr übernachten?“
„Ja!“
„Habt ihr reserviert?“
„Nein.“

Kurze Pause.

„Dann wird es leider nichts. Wir sind voll.“
Shit.

Lolo entgleist das Gesicht hinter seiner schnellen Brille. Er ist ziemlich enttäuscht und sauer. So sauer, dass er nicht einmal etwas essen möchte. Und mir tut es ehrlich gesagt ziemlich leid. Ich hatte uns bereits auf der Terrasse sitzen sehen: kühle Getränke, Kniffel und ein Nachmittag ohne weitere Höhenmeter.

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Aber gut. Planänderung. Wir trinken etwas, ich esse ein Stück Kuchen und überlegen. Die Hohe Kiste steht ohnehin auf unserer Route. „Auf die möchte ich aber auf alle Fälle noch“, sagt Lolo. „Eine Wanderung ohne Gipfel ist keine richtige Wanderung.“

Recht hat er. Also weiter.

50 Minuten später stehen wir auf der Hohen Kiste. Ein ziemlich cooler Moment – schließlich sehen wir die Kiste und das Kistenkar von zu Hause aus fast jeden Tag. Jetzt stehen wir endlich oben.

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Nach einer kurzen Brotzeitpause steigen wir mit Blick Richtung Walchensee durch das einsame und wilde Pustertal nach Eschenlohe ab. Der Weg durch das teils steile, geröllige Kar fordert uns jetzt allerdings noch einmal richtig.1.400 Höhenmeter bergauf stecken in den Beinen. Vor allem Lolos Oberschenkel machen langsam dicht. Die Schritte werden kleiner, die Pausen häufiger.

Gummibärchen. Baiocchi. Wasser. Weiter. Nächste Kurve. Nächste Pause. Dazu Donnergrollen und irgendwann auch noch ein kurzer Regenschauer. Wir beißen die Zähne zusammen und arbeiten uns langsam Richtung Tal. So allmählich verstehen wir auch, warum auf dem Wegweiser fünf Stunden für den Abstieg stehen.

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Nach insgesamt 21 Kilometern und 1.400 Höhenmetern erreichen wir nach 9:38 Stunden, davon 6:32 Stunden reine Gehzeit, Eschenlohe. Lolo hat heute ziemlich genau alles aus sich herausgeholt, was irgendwie herauszuholen war.

Seine größte Sorge während des gesamten Abstiegs war allerdings eine andere: Wo bekommen wir an einem Montagabend noch etwas Vernünftiges zu essen? Zum Glück hat der Lieberwirth in der Schöffau montags geöffnet und wir schaffen es auch tatsächlich noch rechtzeitig bis kurz vor 20 Uhr.

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Was uns bis heute etwas rätselhaft bleibt: Wo kamen eigentlich all die Menschen her, die auf der Weilheimer Hütte für die Nacht reserviert hatten? Über den gesamten Tag sind uns – inklusive der fünf Wanderer auf der Hütte – gerade einmal neun Menschen begegnet. Einer davon war der Hirte an der Pustertal Jagdhütte.

Egal. Ich werde definitiv wieder durchs Estergebirge wandern. Es gibt noch jede Menge Weg- und Gipfelvarianten, und auf der Weilheimer Hütte möchte ich irgendwann auch noch übernachten.

Ob Lolo dann wieder dabei ist? Mal sehen, momentan eher nicht.

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Christian ist im Allgäu aufgewachsen und lebt mittlerweile mit seiner Familie am Staffelseee. Er liebt Campen und Kochen auf dem Einflammen-Outdoor-Herd. Wenn er nicht mit seinen zwei Jungs über Trails jagt, in den Monti Sibillini auf Trüffelsuche geht und Unternehmen in Sachen Brand Strategy berät, sitzt er entweder auf seinem Gravelbike, gleitet auf Pommesski über Skatingloipen oder zieht mit breiten Tourenski los. Bevorzugt vor der Haustüre, im Karwendel, in den Dolomiten und am Gardasee. Immer dabei eine gute Brotzeit und ein Wechselshirt.

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