Outvile-Mountainbike-Iran-52

Singletrails im Orient

Religiöser Fanatismus und eine scheinbar völlig verschlossene Gesellschaft: Der Iran ist vielen von uns schleierhaft. Ein Trip nach Teheran und in dessen Hinterland hat das Iran-Bild von Andrew Neethling und Holger Meyer umgedreht: Sie haben sich Persiens grandiose Singletrails von Locals zeigen lassen – und die Herzlichkeit der Bevölkerung erlebt.

Mir dröhnt der Kopf, als der Taxifahrer wild hupend in den Stadtverkehr einfädelt. Zwei Bikebags drücken von hinten in meinen Rücken. Ein Wunder, dass sie überhaupt reinpassen in den gelben Saipa – so heißt eine iranische Automarke. Wir stauen uns durch den Feierabendverkehr der 20-Millionen-Metropole Teheran. Hier fährt man auf Kontakt. Es gibt drei Spuren – genutzt werden fünf. Im Hotel angekommen treffen wir Michel, unseren Schweizer Guide. Er hat unseren Trip recherchiert und einen sehr präzisen schweizer Zeitplan für uns erstellt.  Andrew, Martin und ich fühlen uns sicher. Michels Plan hört sich gut an: Ein paar Tage Teheran, dann in die Berge rund um Irans Hauptstadt, einen Abstecher ins Skigebiet, schließlich von dort nach Norden bis zum Kaspischen Meer und zum Abschluss in die Wüste. Das hört sich gut an! Entspannt schlürfen wir im Schneidersitz den letzten Tee mit Zucker aus dem Glas, als Michel uns offenbart, dass er am nächsten Tag abreisen muss. Hassan, unser lokaler Guide, übernimmt. Okay! Andere Länder, andere Sitten – wir sind gespannt.

Freitag ist Biketag im Iran

Es ist Freitag. Der Tag, der im Iran der Sonntag ist. Alle haben frei – und scheinbar alle gehen biken. Zumindest alle, die ein eigenes Rad haben. Und gefühlt starren all diese Mountainbiker auf mich und meine Tubeless-Reifen, die nach dem Flug einfach nicht wieder ins Felgenbett springen wollen.  Auf die Frage „Hello, how do you like Iran?“ fällt mir grad nicht viel ein, ich fühle wie mir der Schweiß von der Stirn rinnt, während ich wie ein Blöder Luft in die Dinger pumpe.

Dann erscheint unser Guide Hassan: etwa 1,70 Meter groß, durchtrainierte Waden, sportliche Frisur. Er ist iranischer MTB-Nationalcoach. Braungebrannt von der iranischen Sonne erzählt er in eher schlechtem Englisch, dass er auch Mechaniker ist. Aus seinem Saipa  holt er einen kleinen zwölf Volt Kompressor raus. Meine Rettung! Mittlerweile sind wir von etwa vierzig Mann und auch Frauen umringt. Die Frauen hier fahren mit langem Trikot und langer Hose, da der Staat Kopfbedeckung und lange Kleider vorschreibt. Wir treten mit Bikeshorts an, die definitiv besser zu den sommerlichen Temperaturen passen.

Leider kann auch Hassans Kompressor nicht helfen. Freerider Taja hat das Problem erkannt, und spendiert mir zwei CO-Kartuschen. Sofort hüpfen die widerspenstigen Gummiwalzen wieder in ihr Bett. Endlich können wir starten. Es geht durch den Teheraner Stadtpark am südlichen Stadtrand. Erst auf Asphalt, dann auf Schotter und ganz bald auf Singletrail bergauf. An großen Militäranlagen vorbei klettern wir langsam Höhenmeter um Höhenmeter. Hassan sagt: „Better no photos please!“ Das Militär könne uns sonst als Spione verhaften. Das wollen wir lieber nicht. Die zusammengewürfelte Gruppe zieht sich auseinander. Alle hier sind sehr interessiert an unserer Meinung über ihr Land. Außer dass der Untergrund sandig und staubtrocken ist, aber die Traktion gut, können wir noch nicht viel sagen. Wir sind ja gestern erst gelandet. An der ersten Rast können wir die Aussicht genießen. Um uns herum viele karge Hügel, mit einigen Trails und Wegen. Soweit das Auge reicht, wüstenähnliche Landschaft; kein Grün weit und breit. Die Routenführung ist unklar, jetzt wird es steil. Wir keuchen dem  Gipfel entgegen, bringen – oben angekommen – vor lauter Atemnot kein einziges Worte raus. Die Aussicht ist spektakulär. Von hier oben sieht man ganz Teheran. Verbaut bis zum Horizont, sieht die Stadt aus wie ein großer Siedlungsteppich, der über das Tal gelegt wurde, umrahmt von hohen Bergen. So liegt die Millionenstadt unter uns. „Very very luck“, sagt Hassan. Normalerweise sei der Himmel nicht blau sondern braun, erklärt unser Guide in gebrochenem Englisch.

Hier oben teilt sich unsere Gruppe auf. Der Großteil nimmt die einfachere Variante ins Tal. Hassan schlägt uns die Trailvariante vor. Ein guter Tipp. Genau das richtige Gefälle zum Einrollen mit viel Panorama, dann wird der schmale Weg steiler, gespickt mit ein paar technischen Steinpassagen, der Boden ist hart und staubig, aber bietet dem Stollen gute Traktion, in den Kurven sind ein paar kleine Anlieger, die Halt geben, sowie der ein oder andere Gegenanstieg fürs Herzkreislaufsystem. So geht es für die nächste Stunde dahin bis wir wieder im Verkehrschaos der großen Stadt landen.

Schah-Nostalgie mit lila-farbenen Ski-Gondeln

Dizin ist ein Skigebiet, erbaut in den 70er-Jahren. Damals hatte der Schah noch das Sagen im Iran. Dementsprechend vertrauenserweckend sehen die Gondeln dieser Epoche aus. Wie kleine, bunte Ostereier hängen sie am Seil. Immerhin sind sie in modernem Lila lackiert, der Chef persönlich schaltet sie extra für uns ein. Schnell schweben wir über die 3.000-Meter-Marke. Hier im Elbrusgebirge gibt es ein paar Gipfel, die an der 4.000-Meter-Marke kratzen. Sofort denke ich an die ungeahnten Powdermöglichkeiten, die man hier wohl im Winter hätte: Weite Hänge soweit das Auge reicht. Aber ob es hier Trails gibt? Andrew und ich schießen auf einer alten Passstraße Richtung Tal. Trails? Fehlanzeige. Allerdings bezeichnet der Begriff „Straße“ im Iran nicht das, was wir darunter verstehen. Grobes Geröll wechselt sich mit griffigem Lehmboden ab und löst bei uns in den schnellen Kurven sogar laute Freudenschreie aus. In dieser Höhe ist es schon bitterkalt und sobald die Sonne hinter den Bergen versinkt, braucht es etwas Warmes. Entweder Daune oder eine warme Suppe und einen Tee. Besser alles zusammen. „Ash“ heißt das Nationalgericht, es wird fast überall serviert und ist ein großer vegetarischer Suppentopf, der über dem offenen Feuer brodelt.  Hassan bestellt für uns. Schmeckt gut und tut gut.

Ich wache auf einem unglaublich schönen Perser-Teppich auf. Der Rücken schmerzt zwar, doch mein Daunenschlafsack war eine gute Wahl. Nachts wird es in Irans Bergen empfindlich kalt. Unsere Unterkunft ist ein Haus ohne Betten, lediglich ausgestattet mit Teppichen. Das ist hier normal. Alle liegen einfach auf dem Boden – Massenlager-Feeling à la Alpenvereinshütte mal anders! Wir machen uns nur einen schnellen Tee und starten. Über 1.000 Höhenmeter „Hike a Bike“ stehen als Frühsport auf unserem Plan. Weiter oben in der Sonne wollen wir frühstücken. Wir tragen und schieben unsere Bikes durch einen mystischen Wald. Morgendliche Nebelschwaden weichen langsam dem einfallenden Sonnenlicht, die Bäume sind dünn, aber ganz dicht und grün von Moos bedeckt. Einige Blätter sind schon herbstlich goldig verfärbt. Je weiter wir uns hochquälen desto lichter wird der Wald bis wir wieder aufsteigen können. Hassan fährt voraus, Andrew und ich folgen. Mit der Höhe ändert sich auch die Vegetation, wir pedalieren zwischen großen Buchen und grünen Blättern hindurch. Plötzlich ist es so grün wie wir es niemals im Iran vermutet hätten. Obwohl sich der Trail bergauf durch die Bäume schlängelt, haben wir eine Menge Spaß, und fighten um die Pole Position, bis plötzlich zwei riesige Köter den Weg versperren.

Wir schauen nach oben und sehen zwei Schäfer beim Frühstücken in der warmen Sonne. Die Hunde gehören zu ihnen. Ein Pfiff von oben und die Viecher sind ganz zahm. Die Berghirten haben hier oben ihr Quartier aufgeschlagen, so wie wir es machen wollten. Wie selbstverständlich dürfen wir mit essen und Teetrinken. Hassan übersetzt: „Very friendly people”. Indeed! Es gibt Fladenbrot , frischen Käse, selbstgemachten Honig und etwas Gemüse. „Very good”!

Wir brechen auf zum Gipfel,  die Hunde bleiben unsere Begleiter. Die letzten Meter müssen wir Bike-Bergsteigen. Hier oben sind keine Bäume mehr, es ist karg. Ein paar Hütten stehen am Fuße des Gipfels. Oben angekommen pfeift uns der Wind um die Ohren. Eine Gipfelhütte bietet uns Schutz – und eine spektakuläre Aussicht auf den 5.600 Meter hohen Damavand. Er ist der höchste Berg des Orients und schimmert schneeweiß in der Mittagshitze. Wir freuen uns auf die Abfahrt. Etwas Trialtechnik verlangt das erste Stück mit verblockten Steinpassagen und ein paar Spitzkehren, danach wird es flowig und schnell auf alten Schafspfaden. Immer wieder tauchen Optionen zum Überholen auf. Andrew macht aus seiner Vergangenheit als erfolgreicher Downhill-Weltcuper kein Geheimnis und baut Sprünge ein wo es nur geht. Für mich ist sein Hinterrad wie ein Videospiel, ich muss stets reagieren auf die plötzlich vor meinem Vorderrad erscheinenden Steinblöcke. Später im Wald wird es nochmal spannend, denn die dem Herbst zum Opfer gefallenen Blätter am Boden machen die Spurwahl schwierig und stellenweise ist es unter der Laubschicht verdammt glitschig.  Hassan hatte schon angekündigt: „Singletrack very beauty!” Er hatte nicht zu viel versprochen. Noch ewig können wir die Kurven im Wald geniessen, die wir am Morgen hochschieben mussten.

Abends kommen wir am Kaspischen Meer an. Am Strand treffen wir auf Hassans Bike-Freunde. Als Nationalcoach scheint er das ganze Land zu kennen – zumindest weiß er wo die besten Trainingsreviere liegen. Am Lagerfeuer besprechen wir den Plan für den nächsten Tag. Da Alkohol im Iran strengstens verboten ist, trinken wir mal wieder Tee statt Bier. Der Begriff „Kaspisches Meer“ ist eigentlich ein Trugschluss: Unabhängig davon müssen wir natürlich überprüfen, ob der größte Binnensee der Welt tatsächlich Salzgehalt hat. Er ist gar nicht mal so kalt und in Anbetracht der Tatsache, dass die Duschsituation noch unklar ist, fühlt sich das Bad ganz gut an. Wir lassen uns am Feuer trocknen.  

„Like Utah – don’t you think?”

Unser Trail Highlight steht am nächsten Tag an. Bei den Erzählungen von Hassans Kumpels Mohammed, Mehed, Tehali und Behzad zappeln Andrew und ich wie kleine Kinder vor Vorfreude – vielleicht liegt es aber auch am Tee. 16 Kilometer Singletrail, nur bergab lautet die Ansage – da kann man schon mal hibbelig werden.

Hassan schläft draussen, doch mitten in der Nacht kommt er zu uns auf den fliegenden Teppich. Es hat zu regnen begonnen. Am nächsten Morgen schauen alle wie bedröppelte Pudel aus der Wäsche, denn es regnet in Strömen. An den Traumtrail ist heute nicht zu denken. Und unser Zeitplan ist eng, deshalb entscheiden wir uns, in Richtung Wüste weiter zu fahren. Hassans Downhill-Teamfahrer Taheli und Behzad begleiten uns. Hochmotiviert wollen sie uns ihr Land  von der besten Seite zeigen. Das machen überhaupt alle Iraner gerne, sie haben immer Zeit für einen kurzen Plausch: Where are you from? Do you want tea? Bayern Munich? Borussia Dortmund? Götze? Selfie? Immer in der Reihenfolge.

Auf dem Weg in die Wüste stoppen wir an einem lokalen Downhilltrack. Weite, baumfreie Hänge bieten viele völlig unterschiedliche Lines. Einmal mehr sind wir beeindruckt von den Trails, ebenso  von der Landschaft. Hassan ist extrem stolz, dass es uns gefällt. Für ihn ist dieser Landstrich sein persönliches Rampage-Pendant: „Like Utah – don’t you think?”

In der Wüstenstadt Kashan treffen wir zum ersten Mal auf Touristen. Davor war unsere Visite wie ein Besuch in eine andere Epoche. Nur Locals, nur Ursprünglichkeit, wir in einer völlig abgeschiedenen Welt. Kashan ist sehr historisch, alle Paläste und die alten Gemäuer sind hergerichtet, alles in beige-farbenen und braunen Tönen gehalten. Die Innenstadt erinnert mich an die Kulisse von Star Wars. Andrew kommt wie Luke Skywalker mit seinem Raumgleiter im Wheelie um die Ecke geschwebt. Wir entdecken gemeinsam den Basar und kaufen, verhandeln und kommen immer noch nicht mit dem Geld und den vielen Nullen klar. Dann finden wir die alte Stadtmauer von Kashan, auf der über die Jahrhunderte durch Erosion eine Art Pumptrack entstanden ist. Andrew probiert einige Sprungeinheiten zu absolvieren, dann ziehen wir weiter, bevor die Mauer zusammenbricht.  

Die nächsten Trails finden wir wieder in der Nähe von Teheran, wo wir zum Abschluss noch ein paar Runs mit unseren neuen iranischen Freunden machen. Bald müssen wir Abschied nehmen. Von einem Land das vielfältiger und gegensätzlicher gar nicht sein könnte. Die Menschen sind wahnsinnig offen und denken sehr westlich, ganz anders als wir es vor unserem Trip dachten. Für uns steht fest: Iran, wir kommen wir wieder.

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