Rucksack von Leander Angerer

Vom Luxus seine eigenen Ideen umzusetzen

Seiner Kreativität vollen Raum zu geben, ist ein Luxus, den man sich leisten wollen muss. Designer Leander Angerer tut das in seiner kleinen Wohn-Werkstatt in Oberammergau. Seine in Handarbeit produzierten Rucksäcke verkauft er vor allem in Japan. Ein Gespräch über die inspirierende Großstadt, das romantische Landleben und den Wert der Handarbeit.

Wie will ich leben? Und wo? Was brauche ich eigentlich? Und was auf keinen Fall? In den letzten Wochen stelle ich mir diese Fragen noch häufiger als zuvor. Covid-19 bringt mich zum Nachdenken. Weniger draußen, mehr drinnen, das heißt bei mir auch, dass sich meine Gedankenwelt nach innen kehrt und Überlegungen verstärkt, die schon vor der Krise da waren.  

Will ich raus der Stadt? 

Die turbulente, quirlige Stadt. Tausend Möglichkeiten, totale Spontanität, absolute Flexibilität. An jeder Ecke wartet eine andere Inspiration, ein neuer Eindruck. Ich kann Gemeinschaft erleben, aber auch in der Anonymität der Stadt untertauchen. Ich muss mich nicht rechtfertigen – nicht für meinen ach so unsicheren Freelance-Job, nicht für die leeren Flaschen, die ich zum Altglascontainer bringe, und auch nicht für das „ledig in meinem Personalausweis oder meine Kinderlosigkeit. Hier gibt es genug Leute von meiner Sorte – freie, kreative, die nicht so ganz in eine Schublade traditioneller Lebensentwürfe und verbreiteter Familienmodelle passen. Meinen Nachbarn ist egal was ich tue – zumindest belästigen sie mich nicht mit ihrer Meinung über mich. 

Trotzdem nervt mich die Stadt nur allzu oft. Die Menschen in der U-Bahn, die Autofahrer, die Radfahrer, einfach ALLE. Diese VIELEN, leider häufig recht grantigen Menschen. Raus, Einatmen, Ausatmen, DURCHatmen wünsch ich mir dann. Weitblick, statt nur ein Fetzchen Himmel zwischen den Häuserschluchten. Wozu diese Mietpreise zahlen, wozu diese vollgestopften Orte, diese Menschenmassen ertragen, wenn ich doch eh jedes Wochenende draußen verbringe? 

Das denke ich auch an diesem regnerischen Freitagmorgen vergangenen November im Stau auf der Schweren-Reiter-Straße, als es hinter mir hupt. „Super Idee, Kestlerin, sich in der Früh in den Berufsverkehr am Ring einzureihen.“ Ich bin auf dem Weg nach Oberammergau, dort treffe ich mich mit meinem Outville-Kollegen Christian Wander bei Leander Angerer. Viel weiß ich noch nicht über Leander, nur das, was Christian mir erzählt hat: ehemaliger Profi-Mountainbiker, Designer, hat lange in London gelebt und stellt jetzt in seiner kleinen Werkstatt in Oberammergau stylische und teure Rucksäcke in kompletter Handarbeit her. Klingt nach spannenden Kontrasten, das ist sicher, genau wie der Fakt, dass ich definitiv zu spät kommen werde. Christian ist sicher schon da. 

Zu spät bin ich diesmal nicht. Die Zeiten sind vorbei, als ich mich wie Katharina in München über den Mittleren Ring gequält habe, um wie jetzt zu Leander nach Oberammergau zu fahren oder am Wochenende raus in die Berge. Stau am Stadtrand, Stau zum Berg, Stau am Berg, Stau zurück in die Stadt. An schlechten Tagen verbrachte ich fast die Hälfte der Zeit im Auto. Dass ich mal in der Nähe der Berge leben wollte, wusste ich schon seit meinem Zivi-Jahr in Wertach am Grüntensee. Damals konnte ich vor der Arbeit schnell eine Runde mit dem Mountainbike drehen, in der langen Mittagspause in nur zehn Minuten mit dem Bus zum Skilift oder in sieben Minuten zu Fuß zur Langlaufloipe. 

Die Flucht aufs Land 

24 Jahre hat es gedauert, mit Stationen im Ausland und in kleinen und großen Städten. Jetzt lebe ich wieder in unmittelbarer Nähe der Berge, an einem wunderschönen See, zusammen mit meiner Familie. Kein selbstgemachter Stress mehr, um es am Wochenende irgendwie zu schaffen mit den Kindern rechtzeitig im Auto zu sitzen, um sich zusammen mit all den anderen Stadtflüchtigen in Richtung Berge spülen zu lassen. Hat man es mal wieder nicht geschafft, weil das Bett zu gemütlich, das Frühstück zu lecker oder die Wettervorhersage zu zweifelhaft war, stellte sich spätestens mittags ein Gefühl von Unzufriedenheit ein. Nur war es dann zu spät, den schwerfälligen Familientanker in Bewegung zu setzen, denn der Aufwand hätte sich nicht mehr gelohnt. 

Die Angst, etwas zu verpassen 

Das Gefühl etwas zu verpassen habe ich jetzt nur noch ganz selten und das entspannt mich ungemein. Ich bin schon da. Ich muss nicht mehr entscheiden, ob ich rausfahre, sondern nur, was ich machen möchte und wann: in der Früh, am Vormittag, über Mittag, am Nachmittag oder den ganzen langen Tag. Was für ein Luxus! 

Doch ich hatte Zweifel vor dem Umzug: Würde ich in der Enge eines 3.000 Seelenortes die Weite der 1,5 Millionen Stadt vermissen? Wie reagieren die Einheimischen auf uns Zuagroaste Stadterer? Nach knapp einem Jahr kann ich sagen, dass es sich definitiv anders anfühlt auf dem Land. Aber es gab noch keinen Tag, an dem ich mich zurück in die Stadt gesehnt hätte. Wenn ich eine Dosis Urbanität brauche, fahre ich nach München, streife durchs Glockenbachviertel, gehe wie früher auf dem Viktualienmarkt bei Marina einkaufen und trinke im Pini meinen Kaffee. Ich sauge alles ganz bewusst auf und freue mich, dass ich danach wieder rausfahren darf. Dorthin, wo mich mittlerweile alle grüßen, wir beim einen Nachbarn zum 70sten Geburtstag eingeladen sind und der andere Nachbar mir beim Montieren des neuen Zauns hilft.

Es hat uns den Start am Land sicherlich erleichtert, dass gute Freunde von uns schon lange im Nachbardorf wohnen, wir in den bergverrückten Nachbarn aus Hamburg sofort Gleichgesinnte in Winkweite gefunden haben und natürlich Leander, der von uns in Uffing aus gesehen, gleich hinter dem Hinteren Hörnle wohnt. Kennengelernt habe ich ihn bei einem Kreativprojekt vor sechs Jahren. Seitdem sind wir befreundet und sehen uns jetzt deutlich öfter als früher. Er war der erste, den ich damals in mein Projekt Outville eingeweiht habe und der mich immer wieder ermuntert hat, einfach mal loszulegen und zu schauen, was passiert. 

Gespräch mit Leander Angerer

Nachdem wir, ich tiefenentspannt aus Uffing und eine Viertelstunde später auch eine deutlich gestresstere Katharina aus Schwabing, in Oberammergau eingetrudelt sind, sitzen wir in Leanders Wohnzimmer. Er hat sich eine kleine, alte Schreinerei zu Werkstatt und Wohnung umgebaut. Wir reden über ein neues Rucksack-Material aus Bananen-Schale, mit dem Leander experimentiert, über auf Instagram gehypte Tourismusorte, die Anfänge von Outville und über die Frage: Wie wollen wir eigentlichen leben und welchen Preis zahlen wir dafür?  

Christian: Als ich das erste Mal hier war, hat es noch bisschen anders ausgeschaut. Ich war total inspiriert von diesem Ort und der Entscheidung so zu leben, so einfach und ein bisschen roh, aufs Nötigste reduziert. Es gibt keine Zentralheizung, nur zwei Holzöfen. Das passt einfach gut in die Zeit. Viele würden vermutlich in ihrem Alltag nicht so leben wollen, weil es mit Entbehrungen einhergeht, aber die Entscheidung so zu leben, schafft Respekt und inspiriert viele. Auch wenn es nur kleine Dinge sind, die jede*r Einzelne davon für sich mitnimmt. 

Es ist doch recht untypisch, dass du als kreativer Mensch nicht in München oder Berlin lebst, sondern, dass du nach Oberammergau gegangen bist. Deine Produkte verkaufst du wiederum vor allem in Japan und in den USA. Du wandelst gewissermaßen zwischen den Welten, bist sehr lokal und gleichzeitig global. 

Leander: Das ist ein riesengroßes Spannungsfeld zwischen zwei Polen, die ich beide brauche. Nicht nur, um die Spannung zu erzeugen, sondern auch um zu überleben. Es interessiert sich hier in Oberammergau kaum einer dafür was ich mache. Der Rucksack an sich ist ein Kulturgut, das man eher in der Stadt braucht. Dort haben die Leute mehr Verständnis dafür, dass es einen Typen gibt, der sehr viele Stunden in einen Rucksack steckt und ihn dann für 1.700 Euro verkauft. Dieses Verständnis gibt es häufiger in der Stadt, wo das Spektrum an sich viel größer ist: Ich kann mir einen Burger für einen Euro reinhauen oder für 180 Euro Essen gehen. Aber ich brauche diesen Pol hier auch um des Überlebens willen, weil es hier günstig ist und ich neue Sachen ausprobieren kann. Wenn ich so eine große Werkstatt plus Wohnraum in der Stadt zahlen müsste, dann müsste ich so viel verdienen wie richtig bekannte Designer wie Philippe Starck

Katharina: Ich hätte schon gedacht, dass die Leute hier auf dem Land ein Verständnis für deine Arbeit haben, dass sie Handarbeit grundsätzlich wertschätzen. 

Leander: Die Arbeit schätzen sie schon. Viele sind selbst Handwerker. Aber ich habe in Deutschland bisher am wenigstens verkauft, weil das was ich tue, für viele nicht relevant ist. Sie interessieren sich nicht so für meine Arbeit. Aber das ist auch in Ordnung, weil mich jeder in Ruhe lässt. 

Katharina: Warum ist es in Japan anders? 

Leander: Bei den Japaner haben das Handwerk, die Dinge und die Natur generell einen höheren Stellenwert und eine andere Wertschätzung. Japaner gehen schon immer anders mit den Dingen um. Das fällt ganz offensichtlich beim Essen auf. Auch bei ihren kulturellen Zwängen, die definitiv auch ein bisschen anstrengend sind. Je öfter ich dort war, desto mehr hinterfrage ich sie. Wenn zum Beispiel der 75-jährige Soba-Nudelmeister, der sein ganzes Leben nichts anders gemacht als Soba-Nudeln, sagt, er könne es immer noch nicht und müsse noch weiter üben. Klar, ist es schön, wenn er versucht die besten Nudeln zu machen, andererseits ist es auch krass. Es gibt ein Zitat von dem Maler Katsushika Hokusai, der in etwa sagt, wenn er mit 100 ins Grab fällt, dann kann er vielleicht ein bisschen was, aber bis dahin muss er sein ganzes Leben weiter buckeln. Japaner haben einen extrem hohen Anspruch und wollen für alles ein Verständnis entwickeln. 

Man kann in Japan von allem das Zweitbeste finden. Das beste Croissant gibt es in Frankreich, die beste Pizza in Italien, aber das zweitbeste Croissant und die zweitbeste Pizza gibt es definitiv in Japan, weil sie sich in alles so reinsteigern. In den verstecktesten Winkeln gibt es irgendwelche winzigen Bäckereien, die französische Backwaren machen. Bei uns oder in Paris musst du schon einige Blocks laufen, bis du das so schön komplett handgemacht in einer Bäckerei findest. Die Japaner haben einfach Lust und Interesse an guten Produkten und können sich da extrem reinsteigern. Deswegen glaube ich, dass auch meine Sachen dort auf mehr Interesse und auf eine andere Wertschätzung stoßen. Die schauen den Rucksack ganz genau an, sind zum Teil zwei Stunden im Laden, wollen ganz genau wissen, wie das ist mit den Metallteilen, nehmen das komplette Ding auseinander. Das ist eine Art von Shopping, die ich so intensiv noch nicht erlebt habe. 

Ich  steigere mich in mein Produkt auch schon seit ein paar Jahren konsequent rein, mit allen positiven und negativen Seiten. Mein Rucksack ist nicht besser als jeder andere Rucksack. Der einzige Unterschied ist, dass ich meine Vorstellungen konsequent umsetzen will. Das ist ein Luxus, den ich mir erlaube. Es ist nicht wie bei Vaude, wo der Produktmanager und der Vertriebler sagen: können wir nicht dies und jenes noch machen? Auch das ist eine spannende Herausforderung an einen Designer, alle Pole miteinander zu verbinden. Am Ende wird ein Produkt nur erfolgreich, wenn man es schafft, alle Einflüsse zusammen zu bringen, so dass alle hinter dem Produkt stehen. Wenn ich nur einen hinten runterfallen lasse, dann kann sein, dass es sich nicht mehr verkauft. 

Katharina: Wie kam es denn überhaupt zu dem Rucksack?

Leander: Mit Rucksäcken und mit Nähen beschäftige ich mich schon lange. Meine Mutter ist Töpferin, mein Vater ist Bildhauer, Künstler. Ich bin quasi in der Werkstatt aufgewachsen, in einem weit abgelegenen Weiler, ohne irgendwas rings herum. Mit 16 Jahren habe ich angefangen, irgendwelche Sachen zusammenzunähen. Und mit 17 oder 18 habe ich einen Rucksack zum Skifahren genäht: einen Telemarkrucksack, an dem ich die Ski befestigen konnte. In meiner Masterarbeit in London habe ich mich dann intensiv mit dem Thema Tragen beschäftigt. Das Thema war: Wie beeinflussen sich unsere Umgebung, wer wir sind und was wir haben. Oder anders gesagt: Hama ned z’vui, drong ma ned z’schwaar. Dann war ich Designer bei Vaude und als ich gekündigt habe, dachte ich: Ich muss das jetzt mal ausprobieren und sehen, wo es mich hinführen kann. 

Christian: Bist du nur hier in Oberammergau weil du für wenig Geld viel Raum bekommst oder auch weil du ein Naturmensch bist, der die Nähe zu den Bergen schätzt? 

Leander: Das ist schon die Kombination. Dass es günstig ist, ist Mittel zum Zweck. Ich bin einfach jeden Tag mal draußen, jeden Tag muss ich einmal durchlüften. Ich bin saugern in der Natur und auch saugern hier. Ich schaue zum Fenster raus und denk mir: Das ist schon super. Als ich aus London zurückgekommen bin, habe ich bemerkt: Was in London die Kultur ist, ist hier die Natur, die beiden ersetzen und ergänzen sich. Es gibt auch ähnliche Bewegungsmuster. Wenn ich durch die Stadt laufe und radl, dann nehme ich mit dem Blick nach oben die Architektur wahr. Das passiert mir hier ganz ähnlich. Kultur und Natur haben sich getauscht, aber das Bewegungsmuster und die Neugier sind ganz ähnlich. 

Der Ort hat auch einen hohen Einfluss auf meine Arbeit. Ich kann gar nicht genau sagen welchen oder wie. Die Uhr tickt hier langsamer. Ich habe einfach mehr Zeit, weil rundherum nicht so viel passiert. In der Stadt hast du viele Optionen, die alle cool sind und die du alle wahrnehmen kannst. Aber hier bleibt mir viel mehr Zeit, das finde ich spannend. Es gibt mir eine gewisse Ruhe, die ich sehr schätze und die ich anscheinend auch brauche. Es hat oft etwas Meditatives. Ich finde spannend, was ich in der Werkstatt über mich selber lerne. Mit dem Rucksack und dem kleinen Business, das ich entwickeln will, gehe ich durch einige Hochs und viele Tiefs. Ich habe bestimmt schon 35, 40 mal hingeschmissen und bin am Kollabieren, und gleichzeitig finde ich es interessant, dass ich trotzdem jeden Tag in der Früh aufstehe, in die Werkstatt wackel, so tue als wär nichts gewesen und weiter mache. Egal welcher Rückschlag am Abend vorher war. Wo kommt diese Motivation her? 

Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass ich hier bin und es hier nichts anderes zu tun gibt, sowohl was Ablenkung betrifft, als auch andere Jobs. In London triffst du überall irgendwen, der irgendein spannendes Projekt am Start hat. Dieses Netzwerken passiert hier nicht.

Katharina : Hast du auch manchmal das Gefühl, dass das Leben an dir vorbei geht? Dass du Sachen verpassen könntest, coole Jobs zum Beispiel?

Leander: Geht jetzt die Welt an mir vorbei, verpasse ich Trends als Designer, falle ich irgendwie hinten runter, oder andersrum: hilft es mir mein eigenes Ding, eine eigene Sprache und Herangehensweise zu entwickeln, wie der Mönch im Kloster? Ich glaube, dadurch, dass ich oft genug in die Welt rauskomme, empfinde ich es eher als positiv. Ich mag die Fokussierung auf mein eigenes Ding und kann dahinterstehen. Es ist nicht unbedingt einfacher, aber ich finde spannend herauszuarbeiten und zu verdichten, was mich daran interessiert. Das ist für mich ein konstanter Lernprozess. 

Man ist ja sowieso nicht von der Welt abgeschnitten. Auf Instagram weißt du innerhalb von fünf Minuten, was los ist. Was schon auf Instagram ist, ist natürlich bereits aktuell. Wenn ich in einer Stadt lebe, kann ich ein Gespür dafür entwickeln, was als nächstes passieren wird, mich vortasten. Wenn ich aber die Leute in meinem Umfeld beobachte, die noch in London leben, stelle ich fest, dass sie alle dieselben Einflüsse haben. Wenn ich mir ihre Möbel ansehe, denke ich mir: Ah, ihr lebt im selben Viertel. Das kann man als Außenstehender schon erkennen. Ich finde es ganz schön, dass ich da nicht mitmachen muss. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass das ein Qualitätsmerkmal ist. Sondern ich bin halt so, und meinen Arbeit ist deswegen auch so. Die anderen machen deswegen nichts schlechter. 

Man kann eigentlich fast überall leben, natürlich kommt es darauf an, was für einen Job man hat. Hier in Oberammergau ist noch einer der besseren Orte, an denen man als Kreativer oder Freigeist sein kann. Man braucht ein relativ dickes Fell, nicht weil die anderen nicht nett sind oder einen nicht ernst nehmen, sondern um zu überleben. Natürlich ist es hier günstiger, aber du hast auch kein Netzwerk und bist auf dich alleine gestellt. 

Wenn wir japanisch essen wollen, können meine Frau und ich uns anschauen und sagen: Wer kocht? Und so ist es in vielen Bereichen. Natürlich geht es auch anders: Du hast ringsherum deine Spezln, die Handwerker sind und wenn du sagst: Hey, kannst du dir mal meinen Strom anschauen, dann kommt er und macht das. Sowas ist in der Stadt schwierig, weil die Leute die Fähigkeiten und den Kontakt zueinander nicht so haben. Ich glaube zwar, das ändert sich gerade, aber grundsätzlich lebt die Stadt von der Individualität und der Anonymität. Ich habe das sehr genossen, als ich nach London gezogen bin. Keine Sau interessiert sich für dich, du kannst einfach rumstehen und Fotos machen und da sind noch zehn Millionen andere, die auch irgendwas machen. Aber irgendwann geht das auch verloren und dann freust du dich, dass sich ein Café zu deinem Stammcafé entwickelt und der Barista sagt: Servus Leander, wie gehts?

Christian: Auf der einen Seite entwickelt sich unsere Gesellschaft zu einer individuell geprägten Gesellschaft, aber jeder braucht soziale Kontakte und freut sich, wenn dem Metzger oder Bäcker sein Name bekannt ist. In großen Städten entstehen dann lokale Strukturen, weil jeder Kiez anders ist und seine eigene Kleinstruktur hat, fast wie in einem Dorf. Leute aus der Stadt stellen sich das Leben auf dem Land immer sehr romantisch vor, aber wenn du dort nicht verwurzelt bist, interessiert sich erstmal keiner für dich und wenn du dann auch noch anders bist, ist das auch schwierig. 

Leander: Ja, aber man kann sich nicht nur über das Leben hier beschweren, sondern man muss sich an der eigenen Nase fassen und fragen, was kann ich denn machen? Nur dann kann es wachsen. Wie schön wäre es, wenn es einen richtig guten Café gäbe oder ein richtig gutes Restaurant? Gut, ich kann hier kein Restaurant aufmachen, aber ich habe zig Ideen, was ich hier in der Werkstatt machen will. Man muss eben überlegen, inwieweit man Dinge selbst ändern und damit andere Leute mitziehen kann. 

Mit der romantischen Vorstellung bin ich schon immer wieder konfrontiert. Sie hilft mir sicherlich, was mein Business betrifft. Auf Instagram liest man ja immer wieder die Geschichte vom Kreativen, der sich zurückzieht und macht was er will. Aber die Romantik kann auch sehr schnell zu Ende sein, das ist Fakt. Ich kritisiere das gar nicht, weil ich mir das Leben hier selber aussuche und es für mich dennoch eine gewisse Romantik behält. Ich habe es hier genauso wie ich es will. Aber wenn ich keinen Auftrag habe, dann kann ich auch leicht mal hier sitzen und mir denken: Was soll der ganze Quatsch? Es lebt von der romantischen Vorstellung, aber wenn man es dann durchzieht, dann wird diese vermeintliche Freiheit ganz schnell zur Unfreiheit. Mein Kollege Jakob ist fast Selbstversorger. Er kann nie länger wegfahren, weil dann verhungern die Hühner, außerdem hat er Bienen und einen Garten. Die Freiheit, die er sich erarbeitet hat, wird dann zur Unfreiheit oder zur Last. Da eine Gratwanderung zu betreiben ist nicht einfach. 

Christian: Das ist genau, wie du dir, Kaddi, überlegt hattest eine Hütte zu pachten. Dann bist du zwar da, wo du gerne bist, wenn du nicht arbeitest, aber hast keine Zeit mehr den Spielplatz zu nutzen, wegen dem du eigentlich da bist. 

Katharina: Mich hätte vor allem aber auch die Art der Arbeit gereizt. Ich hätte mich damit auseinandersetzen müssen wie so eine Kläranlage funktioniert. Das ist etwas greifbares. Nicht: Ich renne in die Redaktion, komme Abends heim und frage mich, was habe ich jetzt eigentlich den ganzen Tag gemacht? 

Christian: Du siehst immer direkt ein Ergebnis. Wenn die Kläranlage nicht funktioniert hat und dann geht sie wieder, dann ist das ein cooles Gefühl. Und so ist es auch wenn du Gestalter bist. Leander, du designst nicht nur, du setzt auch um. Du baust deine Produkte selbst, sowohl deine Möbel als auch deine Rucksäcke. Du hast am Anfang deine Einzelteile, die du erstmal zuschneiden musst, die Schnallen müssen hergestellt werden und so weiter und irgendwann fügen sich die Teile zu einem Gesamtprodukt und der Rucksack entsteht. Den kannst du in die Hand nehmen. Ich glaube, die Leute finden es cool Hühner zu haben und Gemüse anzubauen, weil alles so abstrakt geworden ist im Zuge der Digitalisierung. Irgendetwas zu haben, das konkret und greifbar ist, das gibt den Leuten Halt. 

Leander: Wenn du in der Erde rumwühlst…  

Christian:… das erdet! Wortwörtlich. 

Leander: Dieses Schaffen, das merke ich auch bei meiner Arbeit, das trägt auch über die ein oder andere Talsohle hinweg. Wenn man alles hinterfragt, ist es wirklich sinnvoll, was ich tue, dann habe ich immerhin am Ende des Tages das Gefühl, etwas erschaffen zu haben. Das hilft einem bei Schwierigkeiten. 

Katharina: Der Zeitgeist gerade müsste für dich und deine Produkte sprechen. Merkst du, dass die Leute es jetzt mehr schätzen was du tust?

Leander: Ja, das merkt man schon, dass da mehr Interesse entsteht. Deswegen entwickelt sich medial auch einiges. Ich habe noch nie etwas unternommen in Richtung Interviews und Pressearbeit, das ist alles von alleine passiert. Das geht nur, wenn man einen Nerv trifft. Der Zeitgeist spielt mir in die Karten. Es kamen jetzt schon zwei Mal Leute extra von Zypern und Ludwigsburg zu mir, weil sie unbedingt sehen wollten, wie ein Rucksack entsteht. Der eine war zwei Stunden hier, hat sich alles erklären lassen und hat sich gefreut wie ein kleines Kind. Das ist super, wenn man mit seiner Arbeit so etwas auslösen kann und durchaus ein Phänomen unserer Zeit. 

Mein Rucksack ist nicht auf eine gewisse Generation zugeschnitten. Aber Menschen in dem Alter, die sich für meine Arbeit interessieren, haben häufig viel Geld. Das ist die Krux an meiner Arbeit. Ich will ja gar nichts machen, was so viel kostet, aber es geht nicht anders, sonst kann ich in 100 Jahren nicht davon leben. Ich reibe mich da auch konstant dran, dass ich etwas herstelle, das richtig viel Geld kostet. Den Rucksack verkaufe ich jetzt für 1.700 Euro. Es steht außer Frage, dass das sauviel Geld ist. Aber es basiert leider auf dem System, in dem ich und wir alle hier leben. Ich muss von etwas leben und wenn ich meine Rohstoffe in Deutschland und nicht in China bestelle, dann zahlen die Zulieferer natürlich auch den deutschen Stundenlohn. So ergibt sich am Ende ein Preis, den ich selbst echt krass finde. Ich könnte mir meine eigenen Sachen niemals leisten. Aber ich entwickle eine Art Verantwortungsgefühl es trotzdem zu machen und es auch so zu kommunizieren. Denn ich finde es wirklich schlimm, dass man bei uns nichts herstellen kann, was sich zum einen der normale Mensch leisten kann, was zum anderen aber auch das Leben desjenigen finanziert, der die Sachen herstellt. Mein Rucksack ist nicht mehr Arbeit als der Rucksack, der in Vietnam hergestellt wird. Aber es zeigt sich wieder, dass unser ganzes Leben darauf beruht, dass jemand anderes in einem anderen Land billiger arbeitet. 

Heimweg. Und schon wieder im Stress. Um 13 Uhr habe ich einen Termin in der Redaktion bei PULS im Bayerischen Rundfunk. Ob ich es rechtzeitig schaffe?! Ursprünglich wollte ich das Mountainbike einpacken, wenn wir uns eh schon in Oberammergau beim Leander treffen. Solche schlauen Pläne hauen dann leider nur selten hin, weil mein Arbeitskalender einfach immer zu voll ist. Trotz FREIberuflerinnen-Dasein. Der heutige Ausflug in Leanders Leben und Gedankenwelt erinnert mich daran, dass weniger fast immer mehr ist. Egal ob im Kalender oder im Rucksack. Weil: Hama ned z’vui, drong ma ned z’schwaar. Danke dafür, Leander. 

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