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„Das Bike öffnet Türen zu fremden Kulturen.“

Joey lebt im Outdoor-Mekka Boulder, Colorado, ist früher im Mountainbike Downhill World Cup gestartet und verbindet seine ausgeprägte Abenteuerlust mittlerweile mit seinem kreativen Talent als Fotograf und Filmemacher in ehrlichen und selbstironischen Abenteuerproduktionen. Outville stellt den passionierten Ski- und Bikepacking-Abenteurer vor.

Joey Schusler ist in der amerikanischen Mountainbike- und , der internationalen Bikepacking-Szene eine feste Größe und hat sich als professioneller Outdoor-Fotograf und Filmer einen Namen gemacht. Ich habe ihn vor etwa zwei Jahren zufällig auf Vimeo durch seinen Film 55 Hours in Mexico kennengelernt. In dem Film will Joey mit ein paar Kumpels in einem Wochenende schnell mal den dritthöchsten Berg Nordamerikas  mit Tourenski besteigen. Ich mag den Film, weil er eben nicht von aufwendig produzierten High-End Bildern lebt, sondern sich selbst nicht so ernst nimmt und das irre Wochenend-Skiabenteuer der vier Kumpels am höchsten Berg Mexikos damit extrem nahbar und sympathisch dokumentiert. Beim Googeln bin ich auf weitere Filme über seine Bikepacking Abenteuer gestoßen, wie Huayhuash oder The Trail to Kazbegi.

Joey Schusler – inspirierend wie kaum ein anderer

Als begeisterter Mountainbiker haben mich natürlich seine Touren fasziniert, als Hobbyfotograf seine Art, diese fotografisch und filmisch festzuhalten. Man merkt, dass seine Priorität ist, ein spannendes Outdoor Abenteuer zu erleben und erst im zweiten Schritt, dieses auch in Bildern zu dokumentieren: Ohne großes Team, mit so wenig Equipment wie möglich, so ungestellt wie möglich. Der Qualität der Bilder und Videos tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: So inspirierend finde ich nur wenige Outdoor-Produktionen. Ähnlich ging es mir mit dem Gespräch, das ich wenig später mit Joey, der auch Mitglied des Outdoor Research Ambassador  Teams ist, führen durfte.

Outville: Wie war es im Outdoor Mekka Boulder aufzuwachsen?

Joey Schusler: Während die meisten in meinem Alter und auch viele meiner Kumpels nach Colorado gezogen sind, weil es immer ihr Traum war hier zu leben, hatte ich das wahnsinnige Glück hier geboren und mit der Natur aufgewachsen zu sein. Wenn man sechs Jahre alt ist und fast jeder um einen herum, entweder ein Skifahrer, Mountainbiker oder Trailrunner ist, prägt einen dieser omnipräsente Outdoor Lebensstil unterbewusst natürlich. Es ist ziemlich nahe liegend, dass man selbst auch in diese Richtung geht.Während sich meine Kumpels, die fast alle in der Stadt lebten, zu High-School Zeiten spontan nach der Schule einfach treffen konnten, musste ich mir immer vorab planen und überlegen, ob ich nochmals den weiten Weg auf mich nehme, um mit ihnen abzuhängen. Oftmals habe ich mich dagegen entschieden. Ich bin einfach zu Hause geblieben, in den Wald gegangen, habe Trails gebaut und bin Mountainbike gefahren. Es war der absolute Wahnsinn mit einem einzigartigen, natürlichen Spielplatz vor der Haustüre aufwachsen zu dürfen und seine Skills auf dem Mountainbike und den Ski weiterzuentwickeln. Wir hatten alles: vom einfachen Flow Trail bis hin zum ruppigen Downhill Trail und im Winter sind wir einfach mit den Ski losgezogen.

Sind deine Eltern auch enthusiastische Outdoor Menschen?

Ja, sie sind sehr gerne draußen in der Natur, fahren auch ein bisschen Ski, aber sie waren in dem Sinne keine Outdoor Athleten. Allerdings haben sie mich bei allem was ich vorhatte, nach ihren Möglichkeiten unterstützt. So war es auch meine Mum, die mich als ich zwölf  Jahre alt war für mein erstes Mountainbike Sommer Camp angemeldet hat. Sie waren Unterstützer aber keine Mentoren. Da gab es andere, die mich auf meinem Weg zum Athleten gefördert haben. Zum Beispiel Matt Tomasko. Er hat das Mountainbike Camp organisiert, an dem ich damals teilgenommen habe. Meine Eltern hatten nicht so viel Geld und Mountainbiking ist eine der teuersten Sportarten. Matt sah wie enthusiastisch ich bei der Sache war und organisierte mir einen Rahmen, half mir die Teile zu besorgen und mein erstes richtiges Bike aufzubauen. Diese Unterstützung war für mich enorm hilfreich und hat mich nachhaltig geprägt. Deswegen liegt es mir heute sehr am Herzen, etwas an die nächste Generation weiterzugeben.

Matt war es auch, der mich dazu überredet hat, mein erstes Mountainbike Rennen zu fahren. Daraufhin bin ich zehn Jahre lang jedes Rennen gefahren, das ich konnte. Es war der Grundstein für meine Mountainbike und Skirenn-Karriere. Im Stangen Skifahren war ich jedoch nie besonders gut, Biken hat sich immer natürlicher und naheliegender für mich angefühlt. Trotzdem zählt Skifahren zu einer meiner ganz großen Leidenschaften. Auch wenn ich bei Weitem nicht das technische Level erreicht habe wie beim Biken, wo ich immer noch mit den besten Leuten mithalten könnte, macht es mir wahnsinnig Spaß und ist ein inspirierendes Vehikel für meine Abenteuer Fotografie.

Würdest du dich als einen Wettkampftypen bezeichnen?

Ja, absolut. Ich bin seit jeher ziemlich leistungsorientiert und liebe die Energie, die in Wettkampfsituation freigesetzt wird. Ich würde sogar sagen, dass ich mir diese Energiequelle auch in meiner Arbeit als Fotograf und Filmemacher zu Nutze mache. Es ist natürlich nicht das gleiche, als würdest du dich mit Freunden messen, es geht vielmehr darum sich selbst zu pushen, weiterzuentwickeln und die eigene Arbeit auf ein neues Level zu bringen.

Hast du diesen Abenteuer Drang in deinen Genen?

Ja, ich denke schon irgendwie. Dank meiner Eltern bin ich früh viel rumgekommen und wir haben eine Menge ungewöhnlicher Orte bereist. Das war ihr Ding. Als ich Mountainbike Rennen gefahren bin, bin ich zwar viel gereist, aber es war immer nur Mittel zum Zweck. Jedes Wochenende die gleichen Leute, immer wieder die gleichen Orte und du wusstest genau, was dich erwartet. Nach dieser Zeit hatte ich das Gefühl, ich muss raus, etwas Neues sehen, am besten einmal um die ganze Welt reisen. Das habe ich letztendlich nie getan, aber seitdem habe ich schon eine Menge interessanter Ort gesehen. Vor allem seit ich die Welt auch durch die Linse sehe, hat sich bei mir der Wunsch, sie zu entdecken eher noch verstärkt.

Wie bist du zum Fotografieren und Filmen gekommen?

Als ich mit 18 Jahren angefangen habe, für Yeti Cycles zu fahren, kam ich zu den ersten Foto und Video Shoots als Fahrer und fand das ziemlich spannend. Yeti sitzt nur eine halbe Stunde von hier entfernt und ich habe dadurch viel Zeit mit dem Inhouse Media Team verbracht. Es sind coole Leute, mit viel Erfahrung und einem guten Style. Sie waren so etwas wie meine ersten Foto und Film Mentoren, von denen ich mir viel abgeschaut und gelernt habe. Sie sind in gewisser Weise Schuld daran, dass ich ein immer größer werdendes Interesse für die andere Seite des Objektivs entwickelt habe. Jetzt fehlte mir nur noch das entsprechende Kamera Equipment. Denn der alte Camcorder meiner Eltern, mit dem ich bis dahin experimentiert hatte, konnte meinen filmischen Ambitionen nicht mehr gerecht werden.

2010 brach ein riesiger, verheerender Waldbrand aus und legte unser Haus in Schutt und Asche. Wir verloren alles, unser gesamtes Hab und Gut. Es war der absolute Horror. Wie es aber so oft im Leben ist, hatte auch diese Tragödie eine positive Seite. Ich studierte an der University of Colorado und die Universität und auch das Rote Kreuz haben mich daraufhin mit Geld aus  einem Hilfsfond unterstützt, damit ich mir die wichtigsten Sachen wieder anschaffen konnte.

Ich nahm das Geld und investierte es in eine High-End Kamera Ausstattung. Letztendlich war dieses dramatische Unglück und die damit verbundene Frustration für mich der Auslöser, meinen Traum endlich zu leben und den Weg in Richtung professioneller Fotograf und Filmemacher einzuschlagen. Wenn nicht jetzt, wann dann, dachte ich mir. Mountainbike Rennen haben dadurch mehr und mehr an Bedeutung verloren. Dafür habe ich das Bikepacking für mich entdeckt und das Potential diese Abenteuer in Filmform festzuhalten, so dass ich 2014 das erste große Bikepacking Projekt in Peru geplant habe und mit dem Film Huayhuash dokumentiert habe.

Wie planst du deine Abenteuer und Projekte und welches Equipment nimmst du mit auf Tour?

Grundsätzlich gilt: Weniger ist mehr. Bei unserem ersten Trip nach Peru hatten wir noch viel mehr und vor allem auch schwereres Equipment dabei als später bei unserer Tour nach Georgien oder in die Mongolei, wo wir kleine faltbare Schlauchboote, sogenannte Packrafts dabei hatten. Man lernt sehr schnell, was man braucht, was funktioniert, was nicht und worauf man verzichten kann. Auch wenn es ohne Ende Packlisten im Netz gibt, so muss es am Ende jeder selbst herausfinden. Mit jeder weiteren Tour verfeinert man das Set-Up und entwickelt ein Gespür, bei welchem Gewicht man noch Spaß auf dem Rad hat. Was man nie vergessen darf: Die Rahmenbedingungen für jede Tour sind meist total unterschiedlich, mal ist es kalt, mal ist heiß, total trocken oder extrem feucht, mal gibt es frisches Wasser, mal nicht. Wenn dann auch noch die dünne Luft in der Höhe dazukommt, ist sowieso alles anders. Deshalb ist es ist immer wichtig, sich vorab so viel Informationen wie nur möglich zu beschaffen. Manchmal hat man Glück und es gibt bereits nützliche Informationen darüber, weil jemand schon zu Fuß die Route gegangen ist, die man sich ausgeguckt hat. Aber das ist nicht immer der Fall. Und selbst wenn man solche Informationen hat, weiß man noch lange nicht, ob die Trails auch tatsächlich mit dem Bike fahrbar sind. Das zeigt sich immer erst vor Ort. Aber grundsätzlich kann man sagen, dass wir im ersten Schritt unserer Planungsphase immer auf Trekking Blogs recherchieren und natürlich auch google earth. Das hat bisher recht gut funktioniert, überall wo wir bisher unterwegs waren haben wir letztendlich schöne Trails gefunden.

Gibt es ein bestimmtes Erlebnis oder einen bestimmten Trip, der dich nachhaltig beeindruckt hat?

Nun ja, es ist immer etwas Besonderes, wenn man in entlegenen, touristisch kaum oder überhaupt nicht erschlossenen Gebieten unterwegs ist. Was mich dabei immer wieder von neuem beeindruckt und fasziniert ist, was das Rad als Fortbewegungsmittel bei den Einheimischen auslöst. Die meisten können es überhaupt nicht fassen, sind aber immer total neugierig und interessiert daran, wo man herkommt, was man macht und wo man hin möchte. So entsteht automatisch ein Austausch und man lernt diese Menschen und manchmal auch ihre Bräuche kennen. Das passiert einem nicht so einfach, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Da hält man vielleicht kurz an, um ein Foto zu machen, aber genauso schnell sitzt man wieder drin und fährt weiter zum nächsten Ort. So ist es für mich immer wieder schön zu erleben, wie das Unterwegssein mit dem Bike Türen zu anderen Menschen und ihrer Kultur öffnet und damit eine Verbindung schafft. Außerdem saugt man durch die geringe Geschwindigkeit alles um sich herum auf und nimmt es mit allen Sinnen wahr. Und im Vergleich zum Laufen ist die Reichweite enorm.

Was und wer inspiriert dich?  

Früher waren es andere Athleten, wie zum Beispiel Steve Peat, die mich inspiriert haben. Über die Jahre hinweg hat sich das etwas verändert, heute sind es vielmehr Menschen, die coole Geschichten erzählen oder andere Filmer, ein bestimmter Stil oder eine bestimmte Ästhetik. Hier in Denver gibt es eine Hand voll Filmemacher und Mentoren, die mich extrem unterstützen und fördern, wie zum Beispiel die Jungs, die mich mit nach Bhutan zum Filmen genommen haben.

Insbesondere den Filmemacher und National Geographics Adventurer of the Year Ben Knight bewundere und schätze ich sehr für seine einfühlsame Art, mit der er ungewöhnliche oder schwierige Geschichten eindrucksvoll zu erzählen versteht. Aber auch so Typen wie den Top Kletterer Renan Ozturk, der für mich die perfekte Symbiose aus Athlet und brillantem Filmemacher darstellt, inspirieren mich sehr. Ich wäre gerne die Mountainbike Version von ihm.

Was motiviert dich dazu immer wieder deine Komfortzone zu verlassen?

Es ist ziemlich banal. Die Tatsache, dass ich mich ungern langweile und ich gerne etwas schaffe, worauf ich stolz sein kann, treibt mich immer wieder von neuem an und motiviert mich.Wenn ich zwei Wochen zu Hause hänge, fange ich im Kopf sofort an Pläne für das nächste Abenteuer zu schmieden. Es passiert einfach, ob ich will oder nicht.

Planst du gerade neue Projekte?

Ja, es steht ein großes Projekt jetzt im Mai an. Etwas, das ich bisher noch nie gemacht habe. Wir planen und bereiten es schon seit geraumer Zeit vor. Wir wollen 20 Tage lang den Hudson Jeami River hinunter paddeln. Er fließt vom Yukon nach British Columbia und weiter bis nach Alaska, mitten durch die Coast Mountains. Das Besondere an dem Trip wird sein, dass wir vom Schlauchboot aus Skitouren gehen werden. Ich freue mich riesig darauf und bin schon total gespannt, ob alles so klappt, wie wir es uns vorstellen. Die Planung und Vorbereitung hat ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen, da wir unter anderem viele Genehmigungen beantragen mussten, um das Projekt realisieren zu können. Aber jetzt steht alles.

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