outville-logo-mobile
Houdini_14

Houdini: Echte Nachhaltigkeit ist eben kein unmöglicher Move

Sich einen grünen, ökologischen Anstrich zu geben, gehört unter Outdoorfirmen mittlerweile zum guten Ton. Doch kaum eine Firma lebt Nachhaltigkeit so konsequent und über alle Unternehmensbereiche hinweg wie die Innovatoren von Houdini. Outville stellt die kleine, schwedische Firma vor und hat mit der Geschäftsführerin gesprochen.

1993 gründet Lotta Giornofelice Houdini als One-Woman-Company für „neugierige Menschen mit großem Herzen“, für Menschen, die den Planeten Erde lieben, ihn schützen möchten und daher Wert auf sinnvolle Produkte legen. Auslöser war ein Ski- und Klettertrip nach Neuseeland, wo Lotta ein neues Material entdeckt: Stretch-Fleece. Bisher gab es keine Produkte aus diesem Material, doch Lotta traut sich und produziert funktionelle Unterwäsche unter dem Namen „Houdini“, was im Kletterjargon „ein unmöglicher Move“ bedeutet.

Seit damals macht das Unternehmen mit Sitz in Stockholm solche unmöglichen Moves ständig und fordert mit seinem Sortiment, das mittlerweile über Funktionsunterwäsche weit hinausgeht, etablierte Normen heraus: Zunächst indem es Materialien auf neue Weise verwendet und – zuvor undenkbar – Design mit Funktionalität verbindet, heute hauptsächlich mit seinem Nachhaltigkeits-Ansatz „Maximum Experience. Zero Impact“.

Maximale Nachhaltigkeit statt maximaler Gewinn

Houdini richtet das Business nicht nach maximalem Gewinn, sondern anhand des ökologischen Konzepts der „Planetary Boundaries“ aus: Das sind neun global definierte Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Klimawandel, innerhalb derer Herstellungsprozesse ablaufen sollten. So sind die meisten der verwendeten Fasern und Gewebe, wie bei mittlerweile vielen anderen Herstellern auch, nachhaltig produziert oder recycelbar. Houdini definiert aber auch Konsum neu: Was bisher ein linearer Prozess zwischen Kaufen und Wegwerfen war, wird nun ein Kreislauf: Herstellen, Tragen, Recyceln, Wiederverwenden, Neues entstehen lassen.

Das „Prinzip Re-“ wendet Houdini mehrfach an: Reuse, Recyle und Repair – mit dem Ziel einer möglichst langen Lebensdauer aller Produkte. Houdini-Ladengeschäfte sind nachhaltig gebaut und eingerichtet: Es gibt einen Second-Hand-Bereich für gebrauchte Kleidung, einen Reparatur-Service, Recycling-Boxen für aufgetragene Produkte und einen Ausleihservice für Shells („Warum sollte man ein teures Outfit kaufen, wenn man nur ein Mal im Jahr zum Skifahren geht?“ – Eva Karlsson, Geschäftsführerin von Houdini).

Entworfen um zu bleiben

Auch die Produkt-Entwicklung läuft bei Houdini anders ab, als bei konventionellen Herstellern: Designer fertigen Schnittmuster direkt an einem bewegten Modell in aktiven Posen an und nicht wie üblich am Reißbrett. Zuvor entscheiden die Produktentwickler nach einer strengen Design-Checkliste, ob das Produkt überhaupt vom Kunden gebraucht wird, ob es so langlebig ist, dass es auch dessen Kinder noch tragen können, ob es vielseitig genug ist und ob ihm nichts Entbehrliches hinzugefügt wurde, auf das der Träger verzichten könnte. Design ohne unnötige Details, dabei funktional und einfach zu reparieren.

Houdinis ganzheitlicher Gesundheits- und Nachhaltigkeits-Lifestyle fängt bei ihren eigenen Produkten erst an – und inspiriert darüber hinaus: zum Fahrrad-Technik-Fix vor den Läden, gemeinsamen Yogastunden oder Lawinen-Trainings – kostenlos und für die große Vision: „Keeping the great outdoors great and providing the gear to take you there.“

Die Liste an Auszeichnungen gibt Houdini Recht – bis heute sind es neun Awards, unter anderem der Conscious Award by H&M and ELLE Gala 2017, der ISPO Award 2015 oder der Scandinavian Outdoor Award Sustainability 2015.

Outdoorkleidung zum Essen

Zuletzt machte Houdini mit einer gewagten Aktion zum Thema Upcycling von sich reden: Die Schweden haben alte Sportbekleidung über sechs Monate kompostiert und in der so gewonnenen Erde Gemüse angebaut. Dann luden sie Kunden zu Tisch und präsentierten „The Houdini Menu“ – ein vollständiges Menü aus dem frisch geernteten Gemüse. Outville sprach mit Eva Karlsson, der Geschäftsführerin von Houdini über the Houdini Menu, die einzigartige Unternehmensphilosophie und Evas persönliche Motivation.

Outville: Was war die Idee hinter „the Houdini Menu”?

Eva Karlsson: Aus einer eher philosophischen Perspektive ist das Houdini Menu für uns ein Weg, die Schönheit der Natur zu feiern. Und die Tatsache, wie wir als Firma in Partnerschaft mit Natur und Technologie Produkte schaffen können, die am Ende ihrer Lebensspanne in komplett anderer Form aber gleicher Schönheit zu neuem Leben erweckt werden.

Als wir Produkte mit natürlichen Performance-Fasern, wie zum Beispiel Merinowolle, entwickelten, haben wir entdeckt, wie weit entfernt von ihrem eigentlichen Zustand diese Materialien in der konventionellen Bekleidungsherstellung  sind. Natürliche Fasern wie Wolle werden oft mit synthetischen Fasern, wie zum Beispiel Polyester, kombiniert und synthetisch mit Polymer behandelt, um eine einfachere Produktion und Produktpflege zu garantieren.

Wir wollten Produkte in einem kreisförmigen Lebenslauf kreieren, wo nichts endgültig  weggeworfen werden muss, sondern wieder und wieder zu einer neuen Ressource wird. Es hat uns mehr als vier Jahre gekostet, um unser erstes, rein natürliches Material zu erschaffen – eine superleichte Merino-Seiden-Mischung. Heute haben wir eine vollständige Produktpalette aus natürlichen Materialien und ständig verbessern wir unser Rezept. Die Natur zu imitieren – darin wollen wir immer besser werden.

Was motiviert Sie, das Geschäft für Houdini zu führen?

Mein Hintergrund ist das Backcountry. Ich habe es von klein auf geliebt, dort meine Zeit zu verbringen. Aus meiner damaligen Erfahrung weiß ich, dass es mehr Spaß macht, wenn man gutes Material und verlässliche Bekleidung hat. Das macht mich zu einem Kunden für Houdini und daher bin ich leidenschaftlich bei der Sache, wenn es darum geht, innovative Produkte zu entwickeln.

Ich liebe auch den kreativen Prozess, die Verbindung von komplizierten Lösungen und einfachem Design. Daraus entsteht zeitlose Schönheit. Das Houdini Team ist wie ein Volk von gleichgesinnten, kompromisslosen Visionären, die Spaß daran haben, gemeinsam gute Produkte entstehen zu lassen.

Wie beschreiben Sie die Philosophie Ihrer Produkte?

Wir möchten Komfort über die Sinne hinaus bieten – Komfort für Körper, Geist und Seele. Wir möchten mehr mit weniger bieten – vielseitige Produkte, die wie Chamäleons in vielen unterschiedlichen Situationen, für möglichst viele Sportarten aber auch im Alltag einsetzbar sind. Wir möchten Produkte herstellen, die andauern – Produkte, die sowohl in der Qualität als auch im Stil langfristig aktuell sind.

Welche Rolle spielt Minimalismus für Houdini?

Minimalismus, der Versuch unnötige Dinge wegzulassen, macht unsere Produktentwicklung und den Designprozess zeitweise herausfordernder, aber das Produkt an sich schöner. Wenn wir es richtig machen, hält das Produkt länger und kann einfacher repariert werden.

Eva_Karlsson_Houdini_Rikard_Westman

© Rikard Westman

Houdini wirkt wie ein Leuchtstern am Himmel der nachhaltigen Outdoorindustrie. Erzählen Sie mehr über die allgemeine Vision von Houdini.

Für uns ist es einfacher als für andere, ältere Unternehmen, die jetzt einen Wechsel in die Nachhaltigkeit anstreben und mit suboptimalen Prozessen zu kämpfen haben, die sich schon jahrelang in ihrem System befinden. Wir agieren von Beginn an nachhaltig.

Das Meiste was wir bei Houdini tun, basiert auf gesundem Menschenverstand. Unsere Werte sind für viele Menschen auf einer persönlichen Ebene ganz natürlich. Also sollten sie auch für das Unternehmen ganz natürlich sein. Auch unsere zeitliche Perspektive, in die wir zukünftige Generationen einbeziehen, ist natürlich.

Unsere Vision soll eine nachhaltige Kraft in der Gesellschaft sein. Eine, die auf individueller, sozialer und planetarischer Ebene zu einer Welt der Zukunft beiträgt. Diese Welt versuchen wir zu bauen, durch unser Kerngeschäft als auch durch die neuen Entwicklungen in Partnerschaften mit anderen.

Haben Sie Vorbilder, die Ihnen die Energie und den Mut geben, unbeschrittene Wege zu gehen?

Da gibt es viele. Nils Faarlund, der norwegische Öko-Philosoph, ist einer davon. Seine Integrität verbunden mit seiner außergewöhnlichen Neugier und seiner Weisheit machen ihn zu einem Vorbild.

Ist es nicht hart, alle Erfordernisse der Nachhaltigkeit erfüllen zu müssen? Es wird sicher viele Hindernisse in der Produktion geben, wenn sie so progressiv gestaltet wird, wie bei Houdini?

Natürlich ist es herausfordernd, aber oft ist es so, dass es die neue Technologie schon gibt, aber die Nachfrage fehlt. Viele Unternehmen machen einfach mit ihrem bekannten „Business as usual” weiter, obwohl sie eine große Rolle im Wandel spielen könnten.

Die neue Technologie für Shells, die es ab Herbst 2017 gibt, nennt sich Rollercoaster – was macht die Shells besonders?

Rollercoaster ist eine wasserfeste, atmende Shell-Schicht, die für maximale Bewegungsfreiheit kreiert wurde. Gleichzeitig sollte sie keine Stretch-Fasern enthalten, damit sie recycelbar ist. Wir haben ein Material mit mechanischen Stretch-Eigenschaften entwickelt, das Stretch-Fasern überflüssig macht. Die Membran und Fütterung basieren auf Polyester, was den Rollercoaster vollständig recycelbar macht – fast wie PET-Flaschen.

Was erwarten Sie vom Konsumenten im Jahr 2017 – muss er die Verantwortung für sein Konsumverhalten übernehmen?

Ich bin ein starker Anhänger davon, dass Unternehmen die Verantwortung übernehmen, gute Produkte zu erschaffen. Die Rohmaterialien, Technologien oder Wertschöpfungsketten von Produkten sind schon komplex genug für die Firmen, die sich damit beschäftigen und die genau hier auch Experten sind.

Diese Verantwortung auf Konsumenten zu übertragen, wäre in meinen Augen dumm, unfair und in keinem Fall lösungsorientiert. Konsumenten sollen auf Basis ihrer persönlichen Bedürfnisse, ihrem Geschmack und ihrer wirtschaftlichen Lage Entscheidungen treffen können – fertig.

Glauben Sie, dass Konsumenten im Outdoorbereich anders sind als Mode-Konsumenten?

Ich glaube nicht. Wir leben alle in der gleichen Welt und sind von denselben, übergeordneten Trends beeinflusst. Vielmehr gab es immer eine Tradition unter Outdoor-Konsumenten, Produkte als essentielle Ausrüstung zu sehen und sie als Freund und Gefährten zu betrachten statt als Konsumprodukt –  dies scheint aber leider seit einiger Zeit zu schwinden…

Dieselbe Dynamik ist in der Mode schon viel früher passiert. Da gab es Zeiten, als man in einen Anzug investierte, gut auf ihn aufpasste, ihn pflegte und zur Reparatur brachte, statt ihn wegzuwerfen, wenn etwas daran kaputt gegangen war. Die Wegwerf-Gesellschaft, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, wird auch wieder verschwinden. Fast Fashion war ein falscher Weg und es macht mich glücklich zu hören, dass es einen Willen zum Wandel gibt und dass nach und nach grundlegend neue Alternativen entstehen.

GEWINNE EINE MERINO OUTVILLE-BEANIE!

Abonniere den Newsletter bis zum 02.03.18 und nimm’ an der Verlosung teil. Schon Abonnent? Dann bist Du automatisch dabei.

Teilnahmebedingungen