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Japanese Odyssey 06

„Wir kamen uns vor wie auf einer Downhill-Trainingsstrecke“

2400 Kilometer auf dem Fahrrad durch Japan wären eigentlich Abenteuer genug. Doch wenn zur selben Zeit zwei Taifune die Insel streifen, wird die Japanese Odyssey zum ganz besonderen Erlebnis. Der Hamburger Fotograf Carlos Fernández Laser hat das Langstrecken-Rennen in Bildern festgehalten. Outville hat mit ihm gesprochen.

Was sind die Spielregeln beim Langstrecken-Rennen „The Japanese Odyssey“?

Es waren 22 Leute dabei. Start, Ziel und der Zeitraum von 14 Tagen waren vorgegeben. Auf den 2400 Kilometern von Tokio bis nach Osaka gab es elf Checkpoints und bestimmte Straßen, die man passieren musste. Man bekam ein GPS und plante dann seine Route. Doch die Straßen bei Google Maps sind nicht immer auf dem aktuellsten Stand, manche gab es einfach nicht mehr. Und uns hat keiner gesagt, dass zwei Taifune Japan streifen und es unfassbar viel regnen würde.

Du und dein Partner Philipp, ihr konntet das Rennen nicht bis zum Ende durchziehen, was ist passiert?

Fünf Kilometer vor dem zehnten Checkpoint und 45 Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, ist mir das Schaltwerk abgerissen. Wir haben eineinhalb Kilometer bergauf geschoben, bis wir abends um 20 Uhr in einem Dorf angekommen sind, das schon die Gehsteige hochgeklappt hatte. Wir waren froh, als wir ein älteres Pärchen trafen, doch das hatte Angst vor uns und ist weggelaufen. Die Polizei konnte zwar ein bisschen englisch, uns aber auch nicht wirklich helfen und kein Hotel für uns finden. Irgendwann hat ein 25jähriger Dorfbewohner gesagt, dass wir bei ihm schlafen können und er uns am nächsten Tag in die Stadt bringt. Wir wussten, dass uns das viel Zeit kostet und stressig wird, wenn wir noch bis ins Ziel fahren wollen. Also haben wir beschlossen, die Zeit zu genießen und die Eindrücke mitzunehmen.

War es ein frustrierendes Erlebnis, aufgeben zu müssen?

Am Anfang war ich niedergeschlagen. Im Nachhinein haben wir aber festgestellt, dass wir es genau richtig gemacht haben. Die Schnellsten haben elf Tage für die Strecke gebraucht, nichts erlebt und mit niemanden geredet. Bei uns war es völlig anders. Ich hatte mir in den Finger geschnitten und musste zum Arzt. Der hat uns total für das was wir machen gefeiert, wo wir schon überall waren und was wir gesehen haben. Er sagte, selbst er als Japaner wäre noch nie an diesen Orten gewesen. Es war auch ein abgefahrenes Gefühl im Ziel mit den anderen zu reden und festzustellen, dass wir eine verdammt gute Zeit und richtig viel erlebt hatten. Letztendlich ist das ja auch der Hintergedanke eines solchen Rennens. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen.

Japanese Odyssey 019

Von was zum Beispiel?

Zum Beispiel vom längsten Anstieg. Mir ging es nicht gut, ich hatte Kopfschmerzen und Fieber und einen Puls von 190. Philipp war ein gutes Stück hinter mir und ich wusste nicht so genau, was ich jetzt machen sollte. Die letzten 40 Kilometer zurück bergab zu rollen, war für mich keine Option. Es war nachts, windig und regnete. Ich hatte nichts zu essen oder zu trinken. Ich hatte Angst, im schlimmsten Fall einfach umzufallen und bis zum nächsten Tag liegen zu bleiben. Es hätte mich keiner gefunden, weil die Straße nachts gesperrt wird, da sie so gefährlich ist. Also habe ich gemacht, was man in so Situationen eben macht: Meine Mama angerufen. Ich habe sie nicht erreicht, dafür aber meine Freudin. Ich habe gesagt: Wenn sich in drei Stunden der GPS Tracker nicht mehr bewegt, wäre es super, wenn du einen Plan machen würdest. Sie fand das alles andere als cool, auch weil ich keine wirkliche Idee hatte, was sie dann tun könnte. Doch es ging gut aus: Zwei bis drei Stunden später bin ich oben an einem Bergwander Hotel in den japanischen Alpen angekommen. Ich habe noch nie so gut geschlafen, es gab super Essen und Feuer im Kamin.

Wo habt ihr sonst geschlafen?

In der ersten Nacht hinter einem Supermarkt, da gab es Wlan. Häufig haben wir in Onsen, japanischen Badehäusern übernachtet. In einer öffentlichen Toilette. Oder an Bushaltestellen. Ich glaube, an der coolsten Bushaltestelle der Welt. Es gab dort eine Toilette und eine Küche. Man hat in Japan auch nie Angst um seine Sachen. Man könnte sein Handy auf die Straße legen, eine Stunde schlafen und hinterher wäre es noch da.

Wie hast du die Japaner erlebt?

Ich bin da etwas zwiegespalten. Sie sind total freundlich und hilfsbereit, aber auch sehr distanziert. Einerseits sind sie sehr interessiert an dem, was du machst, trauen sich aber wegen der Sprachbarriere oft nicht nachfragen. Auch wenn Fahrradfahren dort kein so großes Thema ist, sind sie extrem rücksichtsvoll. Autos halten immer viel Abstand und überholen langsam.

Wie hast du dich zum Durchhalten motiviert?

Ich habe mich noch nie so lange so kaputt gemacht. Man muss den Kopf ausschalten, dann machen die Beine einfach weiter. Am Berg habe ich zum Beispiel „Die drei ???“ gehört oder ruhige Songs, die dich nicht aus dem Takt bringen. Meine Freundin hat mir eine Playlist gemacht.

Würdest du es nochmal machen?

Das war die erste Frage, die mir meine Freundin am Flughafen gestellt hat. Meine Antwort: Ja, auf jeden Fall. Ich würde es gerne bei besserem Wetter sehen. Wir sind angeblich die spektakulärsten Serpentinen gefahren, an den schönsten Ausblicken vorbei, haben aber nichts gesehen, weil es geregnet hat. Außerdem ist es beeindruckend, wie 22 Menschen sich durch dieselben Erfahrungen verbunden fühlen, obwohl alle unterschiedliche Routen fahren und man sich kaum begegnet. Nächstes Mal würde ich versuchen, weniger Gepäck mitzunehmen und mich vorab mit japanischen Straßenschildern auseinandersetzen. Wir dachten bei den meisten Warn- oder Gesperrt-Schildern meistens: Ach, das geht schon und kamen uns dann vor wie auf der Trainingsstrecke vom japanischen Downhill Nationalteam und das mit einem Langstreckenfahrrad nachts bei Regen. Vielleicht war es gut, dass wir nicht so viel gesehen haben.

Wie ging es für dich los mit der Fotografie?

Ich habe beim BMXen angefangen zu fotografieren, meine erste Veröffentlichung hatte ich in der „Freedom BMX“. Dann habe ich sieben Jahre als Fotoassistent vor allem für Modekataloge gearbeitet, meiner Meinung nach die beste Ausbildung der Welt. Seit fünf Jahren arbeite ich hauptberuflich als Fotograf. Modejobs waren dabei mein Sprungbrett aus der Assistenz. Parallel dazu hat sich die Fahrradbranche so entwickelt, dass die Budgets immer größer wurden. So ging es sozusagen zurück zum Ursprung.

Ist das BMX immer noch dein Lieblings-Fahrrad?

Bis vor wenigen Jahren hatte ich gar kein anderes Fahrrad. Als Teenager bin ich zwar ein bisschen Crosscountry und Dirtbike gefahren, aber schon mit 16 oder 17 Jahren aufs BMX umgestiegen. Es ist einfach der Ursprung des mit dem Fahrrad durch die Gegend Springens. Das mag ich. Langstreckenfahren kam erst vor rein paar Jahren durch die Hamburger Fixie-Crew Hardbrakers dazu. Ich habe die Grand Tour von Warschau nach Helskini begleitet. Vorher hatte ich das Thema Fixie gar nicht auf dem Schirm.

Was fotografierst du lieber Bike oder Fashion?

Natürlich ist das Fahrrad meine Leidenschaft, aber bei Mode kann man mehr ausrasten, hat mehr Freiheiten. Wenn ich ein Fahrradeditorial schieße, bin ich doch etwas eingeschränkter. Ich kann nicht einfach sagen, setzt dich mal verrückt aufs Fahrrad, das schaut komisch aus.

Mehr von Carlos unter: www.carlosfernandez.de

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