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Lofoten Freeski 128

Wir hätten es besser treffen können. Aber so viel besser auch nicht.

Epische Bedingungen und ein von einem Brause-Hersteller bezahlter Heli, der einen hinbringt, wo man gerne seine Turns in den immer hüfttiefen Powder setzen möchte. So stellt man sich das Leben als Profi-Freerider vor. Manchmal läuft es aber wie bei Jochen Reiser in Norwegen – und ist trotzdem genauso gut wie die der Traum. Nur anders, und feuchter.

Skitouren und Steilwand-Abfahrten, das war der Plan von Freeskierin Anne Wangler, Fotograf und Filmer Marco „Gumper“ Schmidt und mir, als wir Anfang Mai für zehn Tage Richtung Norwegen auf brachen. Unser Ziel: die abgelegene Berghütte Trollfjord Hytta ungefähr 250 Höhenmeter oberhalb des Trollfjords, ein abgelegener Fjord in der Mitte der Lofoten. Die Vorfreude war groß, die Berge rund um die Hütte sahen auf der Karte vielversprechend aus mit vielen steilen Rinnen.

Doch bevor wir diese Rinnen fahren konnten, mussten wir an unser Ziel kommen – schwieriger als gedacht: In mehreren Tagen ging’s von München nach Narvik, per Fernbus bis nach Sortland und von dort mit dem Bus weiter nach Melbu. Der Trollfjord ist umringt von hohen, steilen und fast komplett glatten Granitwänden. Normalerweise ist er nur mit der Hurtigruten erreichbar. Zweimal am Tag bringt sie Touristen in den Trollfjord, legt aber nicht an.

Da wir leider keinen Segelschiff in Nordnorwegen besitzen und auch niemand kennen, der eins hätte, mussten wir für die 50 minütige Überfahrt 600 Euro an einen Fischer blechen. Am Nachmittag kamen wir am kleinen, verlassenen Steg im hintersten Teil des Trollfjords an und mussten samt Verpflegung, Film- und Fotoausrüstung und Ski-Equipment den Aufstieg zur Hütte bewältigen. Das waren zwar nur läppische 250 Höhenmeter, aber nach einer mageren Wintersaison und warmen Temperaturen lag nicht genügend Schnee und der Aufstieg wurde zur Kletterpartie über Grashänge, Felsen und Bäche. Fies daran war vor allem: Wenn man verschwitzt und müde endlich in seinem Berg-Domizil ankommt, den Holzofen anfeuert und gleichzeitig weiß, dass man nochmal hinunter muss, weil man nicht die komplette Ausrüstung auf einmal tragen konnte... Um vier Uhr morgens hatten wir unser „Hotel“ dann endgültig bezogen – hundemüde, aber viel zu aufgewühlt zum Schlafen. Zum Glück hatten wir zwei Flaschen Wein mit nach oben geschleppt.

Schlaf sollten wir die nächsten Tage ohnehin noch genug bekommen: Der strahlende Sonnenschein, den wir bei der Anreise genießen durften, wurde von Regen abgelöst, der zehn Tage nicht mehr aufhören wollte. Richtig zu sehen bekamen wir unsere Umgebung nicht, vielleicht war das sogar besser so. Durch die umherziehenden Wolkenfetzen hindurch konnten wir erahnen, dass die Hütte in einem gigantischen Kessel mit zwei Bergseen lag, umringt von Felsen, von steilen Couloirs durchzogen. Fahren konnten wir sie jedoch nie – durch den Regen wurde der Schnee zu feucht und die Situation zu gefährlich. Auch waren unsere Zeitfenster zum Filmen sehr beschränkt: Beim Dauerregen hielt die Kameraausrüstung höchstens zwei Stunden durch.

Lofoten Freeski 119

Wir versuchten das Beste daraus zu machen, richteten uns die Hütte ein, hackten Holz, schmolzen Schnee und kochten auf dem installierten Gasherd. Während die Tage verstrichen, wurde es für uns immer schwerer, die Moral hoch zu halten. Jeden Tag unternahmen wir kleine Touren mit und ohne Kamera, um die Gegend zu erkunden. Unser Highlight befand sich aber direkt neben der Hütte: Für die europäischen Alpen schier unvorstellbar, dass mitten in der Pampa eine eigene Sauna zur Verfügung steht, ist es in nordischen Ländern völlig normal. Mit Holz beheizt brachten wir das Ding locker auf über 100 Grad. Der angenehme Nebeneffekt: Wie allen Bergfexen und Hütten-Gästen bekannt sein dürfte, lässt die eigene Körperhygiene auf Berghütten eher zu wünschen übrig, denn Wasser ist Mangelware.  Nach wenigen Tagen Bergleben wünscht man sich nichts sehnlicher, als eine lange, heiße Dusche. Durch die Sauna allerdings war jeden Tag genug warmes Duschwasser für drei Personen vorhanden, und dass der Schwall aus einem Eimer über dem Kopf und nicht aus der Leitung kommt, stört einen dann auch nicht mehr. Und wer hat nicht schon einmal davon geträumt, beim Duschen  mitten in einer schneebedeckten Wildnis seinen nackten Hintern der Welt entgegenzustrecken und in Berge zu jodeln?

Dennoch durften wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, wir hatten eine Mission: Wir wollten das Leben dort oben und die skifahrerischen Möglichkeiten des Trollfjords auf Film und Foto festhalten. Norwegen ist bekannt für seine große Anzahl an Flüssen und Wasserfälle – auch im Hochgebirge. Doch können diese bei einer immer stärker kollabierenden Schneedecke schnell zur tödlichen Falle werden. Einzubrechen um unter eine Schicht aus Eis und Schnee in einen Gebirgsbach gedrückt zu werden, hatten wir prinzipiell nicht vor und mussten deswegen auf den ein oder anderen guten Shot verzichten. Bald stellten wir fest, dass der Regen gegen Abend nachließ und auch das Licht zum Filmen bei fast untergehender Sonne am Besten war. Also haben wir unsere Tage kurzerhand nach hinten verschoben und sind zwischen acht Uhr abends und fünf Uhr morgens auf Skitour gegangen – da es immer hell ist, kein Problem.

Als die Tourenmöglichkeiten sich immer mehr dem Ende neigten, gingen wir unter die Angler und erlegten unser Abendessen selbst. Wir lernten zwei französische Weltenbummler auf ihren Segelschiffen kennen und sie luden uns auf eine Rundfahrt in die umliegenden Fjorde ein. Auch schlechte (Wetter-) Seiten haben  ihr Gutes. Letztendlich kommt es bei jedem Trip nur auf die Erlebnisse an, die man mit nach Hause nehmen darf. Mir werden diese zehn Tage in Erinnerung bleiben, als eine unglaublich ruhige Zeit in der Natur, umgeben von Menschen, die ich mag. Natürlich hätten wir es besser treffen können, aber so viel besser auch nicht.

Photos: Marco „Gumper“ Schmidt

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