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„Solche Orte sind wie die Leerzeichen zwischen geschriebenen Wörtern“

Franzi und Jona von Tales on Tyres kommen eigentlich aus Norddeutschland, haben aber vor fünf Jahren ihren Besitz verkauft, um aus eigner Kraft die Welt zu erkunden. Zur Zeit sind sie auf Bikepacking-Tour durch Amerika. Franziska hält fest, warum sie sich trotz aller Strapazen immer wieder auf die Reise ans sprichwörtliche Ende der Welt machen.

von Franzi Wernsing (Tales on Tyres),
aus dem Englischen übersetzt von Carolin Laska

Ich frage mich, ob das hier jemals eine Straße war. Wenn es eine war, dann ist sie als solche mittlerweile nicht mehr zu erkennen. Mein Rad fühlt sich mit jedem weiteren Tritt bergauf schwerer an, aber ich versuche nicht darüber nachzudenken. Ich schaue zurück und kann unterhalb von mir noch immer die Häuser des kleinen Dorfes erkennen, das wir schon vor ein paar Stunden verlassen haben. Weit haben wir es nicht geschafft, aber immerhin weit genug, um in diese traumhafte Gegend zu gelangen. Wenn ich nach vorne schaue, sehe ich nur Berge und ein paar Bäume, die sich spärlich in der überwältigenden Landschaft verteilen. Ich halte für einen Moment an, atme tief durch und schließe meine Augen. Mein Herz fühlt sich leicht an.

Keine Angst, sondern überwältigt von der Schönheit der Landschaft

Als ich 19 Jahre alt war, unternahm ich meinen ersten Outdoor-Urlaub und brach für zwei Wochen zu einem Kanu-Abenteuer nach Schweden auf. Ich wuchs in einer Stadt in Norddeutschland auf, umgeben von Feldern und Vororten, deshalb war diese Reise nach Schweden tatsächlich mein erster richtiger Trip in die Wildnis. In diesen zwei Wochen gab es nur uns sechs Freunde, den Fluss und eine Million Mücken. So richtig hatte ich das Gefühl, mich in der Wildnis zu befinden, an jenem Tag, als wir eine Pause vom Paddeln eingelegt hatten, um in den umliegenden Bergen wandern zu gehen. Am Gipfel des Berges habe ich mich umgeschaut und keine einzige menschliche Spur in der Natur gesehen: keine Häuser, keine Straßen. Lediglich Wälder, Berge, Seen und Flüsse.

Ich erinnere mich an diesen Augenblick, als ob er gestern gewesen wäre. Festzustellen, dass um mich herum absolut nichts außer Natur ist, das hatte ich in der Form vorher noch nie erlebt. In mir löste das kein Gefühl von Angst oder Einsamkeit aus, sondern ich war einfach nur überwältigt von der Schönheit dieser Landschaft. Nach dem Urlaub bin ich nach Hause zurückgekehrt, aber diese zwei Wochen und der Moment auf dem Gipfel des Berges sind mir immer in Erinnerung geblieben. Mittlerweile ist dieses Erlebnis elf Jahre her und ich habe seitdem einen Großteil meiner Zeit mit Outdoor-Aktivitäten verbracht. Dieser kleine Moment vor vielen Jahren hat mich nicht losgelassen und sich zu einer großen Leidenschaft entwickelt.

Eine Nische, in der ich existieren kann und gleichzeitig völlig egal bin

Trotzdem war es nicht die Schönheit der Landschaft alleine, die mich immer wieder an solche Plätze zieht. Für mich sind solche Orte so etwas wie die Leerzeichen zwischen geschriebenen Wörtern oder die kurze Pause in einem Satz, bevor etwas Wichtiges gesagt wird. Eine Nische, in der ich existieren kann und gleichzeitig völlig egal bin. Wo die Blumen blühen, der Wind weht und die Blätter in den Bäumen rascheln, egal ob ich dort bin oder nicht.

Zeit in der Einsamkeit zu verbringen fühlt sich an, als würde man eine Pause von der Welt einlegen. Dort muss ich nicht wie eine gut geölte Maschine funktionieren, ständig Erwartungen erfüllen und Verpflichtungen nachgehen. Ich kann einfach nur ich sein und wenn es regnet, dann tut es das eben nicht, weil ich meinen Teller am Tag davor nicht leer gegessen habe.

Unberührte Landschaften sind winzige Löcher in der Zivilisation

Während des vergangenen Jahres, in dem wir mit unseren Fahrrädern durch Amerika gefahren sind, mussten wir feststellen, dass es immer schwieriger wird, wirklich verlassene Gegenden zu finden. In vielen Ländern waren wir von Ackerland und Häusern umgeben. Wirklich unberührte Gegenden sind  dort winzige Löcher in der Zivilisation, meist so klein, dass wir selten das Gefühl hatten richtig draußen zu sein. Manchmal haben wir uns in dieser Zeit gefühlt wie zwei Goldfische, die nach Luft schnappen.

Früher hatte ich mir nie Gedanken gemacht, ob die wachsende Bevölkerung ein Problem darstellen könnte. Mit mehr Leuten macht es schließlich meistens auch mehr Spaß – wie wenn man zum Abendessen einlädt, mehr Gäste kommen, als man Stühle besitzt und trotzdem alle einen Platz finden. Letztes Jahr kam ich dann ins Grübeln und habe mich gefragt, was passieren wird, wenn der Tag kommt, an dem es diese verlassenen Orte nicht mehr gibt. Was geschieht, wenn wir diese Plätze nicht erhalten können?

Ein Liebesbrief an unberührte Orte

Seitdem wir durch Südamerika reisen, reizt es uns immer mehr Orte zu finden, an denen außer Natur kaum etwas existiert. Diese Orte zu erreichen ist nicht immer einfach, es kann körperlich extrem anstrengend und manchmal sehr frustrierend sein. Aber bisher waren wir noch nie enttäuscht, wenn wir am Ende eines anstrengenden Tages schließlich vor unserem Zelt standen und in die Leere starrten.

Das hier soll keine moralische Geschichte sein. Vielmehr ist es ein persönlicher Liebesbrief an das, was ich schätze und vielleicht eine Inspiration für andere, raus zu gehen und solche Gegenden zu suchen – und festzustellen, wie wichtig sie für uns sein können.

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