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„Du erinnerst dich zuerst an die Leute – und dann erst ans Biken“

Das Bike-Resort Massa Vecchia in der Toskana hat unter Mountainbikern einen legendären Ruf. Und das liegt – so lohnenswert die Trails in der Maremma auch sind – vor allem an den Menschen in Massa Vecchia und ihrer besonderenen Gastfreundschaft.
Text & FotosKatharina Kestler

Die Reifen graben sich in den Schotter, der Motor heult. Guide Matteo quält den Pick-up eine steile, zerfahrene Schotterrampe hoch und erzählt lachend, dass er gleich an seinem ersten Arbeitstag in Massa Vecchia ein Auto zerstört hat. Matteo arbeitet erst seit zwei Monaten in dem toskanischen Bike-Resort – wobei „Arbeit“ wäre das falsche Wort, findet er: „Schau, wir unterhalten uns gut, haben einen schönen Tag in der Natur, später trinken wir bestimmt noch ein Bier zusammen. Und wenn du an diesen Urlaub zurückdenkst, wirst du dich zuerst an die Leute erinnern und erst danach ans Biken oder daran, wie die Trails waren.“  Matteo wird Recht behalten.

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Massa Vecchia – ein sagenumwobener Ort für Mountainbiker

Massa Vecchia in der toskanischen Maremma hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem legendären, fast schon sagenumwobenen Ort für Mountainbiker gemausert. In das Bike-Resort am Fuße des mittelalterlichen Örtchens Massa Marittima fährt, wer früher Poster vom schweizerischen Mountainbike Weltmeister Thomas Frischknecht an der Wand hängen hatte, eine familiäre Atmosphäre, gutes Essen und ein, zwei Gläser Rotwein am Abend mindestens genauso gerne mag wie sanfte Anstiege oder flowige Naturtrails.

Massa Vecchias Trails sind für alle da

Die Maremma-Trails bieten Anfängern einen leichteren Einstieg ins Mountainbiken als andere berüchtigte, italienische Reviere wie der Gardasee oder Bozen, trotzdem begegnet man auf den 500 Kilometern Trails rund um Massa Vecchia auch den Profis von Rob J. Heran über Timo Pritzel bis hin zu Holger Meyer. Massa Vecchia und seine Trails sind eben für alle da: Man kann es bei den täglich angebotenen, geführten Touren gemütlich angehen lassen und in der „Cappuchino-Gruppe“ nach 500 Höhenmetern Anstieg flowige Trails ansteuern, sich gar ein E-Bike mieten oder aber in der sportlich ehrgeizigen Gruppe während einer 1200 Höhenmeter-Tour in technischen Bergauf-Passagen versuchen den Guide zu überholen. Man kann sich aber auch einfach ein GPS Gerät leihen und sein eigenes Ding und Tempo machen, auf dem hauseigenen Pumptrack seine Technik verbessern oder eben zweimal die Woche mit einem der Guides wie Matteo mehrmals die circa 450 Höhenmeter zu den Trails am Monte Arsenti shutteln.

Keine Hotelgäste, sondern Freunde

Die Gäste in Massa Vecchia sind häufig Wiederholungstäter. Das Personal kennt alle beim Vornamen und begrüßt sie mit einer Umarmung. Manche verabschieden sich mit Tränen in den Augen. „Wir sind kein Hotel. Die Gäste sind ein Teil von unserem Leben. Wir wollen keine Zimmer verkaufen. Wir wollen etwas anderes verkaufen. Verkaufen ist das falsche Wort – weitergeben wäre besser“, sagt Alice Hutmacher, die jüngere Tochter von Massa Vecchia Gründer Ernesto. Und das mit dem  „Weitergeben“ können sie gut in Massa Vecchia: Als „Neuer“ wird man beim Abendessen einfach irgendwo dazu gesetzt, beim Apero an der Bar kommt man sofort ins Gespräch mit Stammgästen und hört Geschichten von früher, als das hier alles noch ein Hühnerstall war – und man wird sofort gefragt, ob man nicht spüre, an welch’ besonderem Ort man hier wäre.

Egal, ob von Linus, der schon seit Kindesbeinen an mit seinem Vater regelmäßig Gast in Massa Vecchia ist, damals als es am Monte Arsenti gerade mal einen oder zwei Trails gab. Nach seiner Ausbildung in einem Hotel in Lenzerheide würde er am liebsten zum Arbeiten hierher kommen. Oder von Ralf, der 1996 das Cross Country Finale der Olympischen Sommerspielen in Atlanta auf VHS aufgezeichnet hat, um die Silbermedaille von Thomas Frischknecht nicht nur einmal feiern zu können. Als er dann das erste Mal nach Massa Vecchia kommt,  „sitzt der Frischi da einfach so einen Tisch weiter. Für mich war das ein Popstar“. Oder vom argentinischen Physiotherapeuten Gaucho, der nachdem er in die Schweiz auswanderte, in puncto Freizeitgestaltung Fußballschuhe gegen Bikes tauschte und in puncto Job Maradona als Patienten gegen Mountainbike-Weltmeister und Olympiasieger Nino Schurter.

Treffpunkt für Bikelegenden

Wenn man sich darauf einlassen kann und kontaktfreudig ist, spürt man, dass Herzlichkeit, Lockerheit und echte Bike-Begeisterung hier keine Schlagworte sind, die höchstens für einen Werbekatalog Bestand haben. In Massa Vecchia werden diese Prinzipien gelebt. Was bei anderen ein touristisches Konzept ist, ergibt sich ganz automatisch aus dem Charakter der Menschen, die hier arbeiten und diesen Ort aufgebaut haben. Das ist zuallererst der Schweizer Ernesto Hutmacher, der vor 30 Jahre Massa Vecchia entdeckte und das verfallene Landgut mit viel Schweiß, Herzblut und einer fixen Idee zu einem weltweit geschätzten Bike-Zentrum ausbaute. Die Bike-Legende Thomas Frischknecht hat seinen Landsmann dabei unterstützt und gleich nebenan selbst ein kleines Weingut hergerichtet. Auch Familie Schurter gehört zu den langjährigen Unterstützern von Massa Vecchia und trägt zum unvergleichlichen Ruf des Ortes bei: Olympiasieger Nino Schurter ist selbst häufig da. Ninos Bruder Mario, der früher im Downhill-Weltcup startete und bergab noch schneller als Nino ist, arbeitet als Tour-Guide in Massa Vecchia und man kann ihn buchen, um seine Bike-Skills zu verbessern. Der Vater Ernst Schurter, selbst ehemaliger Eishockey-Profi, Downhill-Weltmeister bei den Senioren und einst Trainer der schweizerischen Downhill-Nationalmannschaft, verbringt seinen Urlaub in der Maremma am liebsten damit, morgens um sieben Uhr mit Säge, Rechen und Spaten zum Trailbau in der toskanischen Macchia zu verschwinden, um erst spät abends wieder aufzutauchen.

Der Verein Trailbrothers

In reiner Handarbeit entstanden so zum Beispiel die fünf Trails am Monte Arsenti: Freeride – der älteste Trail, Rock’n’Roll Queen – der technisch anspruchsvollste, Insoglio – der neuste und flowigste, Scopine und Bonatto. Die Trailbrothers, ein eigens dafür gegründeter Verein unter Vorsitz von Arianna Hutmacher, der älteren Tochter Ernestos, hat den Monte Arsenti gepachtet und will ihn zu einem Trail-Park ausbauen. In Massa Vecchia war kürzlich die weltweit erste E-Enduro Rennserie zu Gast, es wurden bereits Uphill-Trails für E-Bikes gebaut. Schranken im Kopf oder Angst vor Veränderung hat hier niemand, dafür umso mehr Herzblut.

Das merkt man als Gast. Zum Beispiel wenn abends eine Pizza nach der anderen aus dem Holzofen vorbei an den bunt durchgewürfelten Tischen getragen wird und man sich per Fingerzeig für ein Stück der nächsten Sorte meldet, solange bis wirklich nichts mehr reingeht. Oder, wenn einfach darauf vertraut wird, dass jeder Gast sein Bier oder seine Flasche Wein selbst ins Abrechnungssystem eingibt. Und das funktioniert. Weil man ist ja bei Freunden, noch besser: Man ist Teil der Familie.

Mehr über Ernesto Hutmacher, den Gründer des legendären Bike-Resorts Massa Vecchia erfahrt ihr hier. 

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