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Was ist der verblockte Trail gegen echte Beziehungsprobleme?

Na, wie viele Paare kennt ihr, die total konfliktfrei regelmäßig gemeinsam Outdoor-Sport treiben? So ganz ohne Gezicke oder Machtspielchen? Und bei wie vielen kommen da beide wirklich auf ihre Kosten? Pärchensport ist eine ziemlich heikle Angelegenheit – und trotzdem alternativlos, findet Outville-Autorin Katharina Kestler. © Ralf Glaser/trails.de

„Hast du die zwei grad gesehen? Die haben ja nicht mal den Mund aufbekommen!“

„Wenigstens Grüßen wär’ halt schon nett, oder?“

Ja, aber die hatten ja auch fürchterlich Spaß am Biken, wie kann man denn an so einem Tag so eine Fresse ziehen?!“

„Mei, Pärchensport, is’ halt nicht so leicht…“


Ups. Hab’ ich das WIRKLICH gesagt? Ja, hab’ ich wohl, neulich in Finale Ligure beim Mountainbiken, als wir an einem Pärchen vorbei gefahren sind, das beim gemeinsamen Sport offensichtlich nicht mal ein Achtel so glücklich war, wie ihre Räder teuer. Ich habe wirklich etwas gesagt, das übersetzt heißt: Als Pärchen zusammen Sport machen ist schwierig. Es birgt großes Konfliktpotential. Am Besten lässt man es gleich sein. Man erspart sich eine Menge Ärger. Und Falten, weil man kein miesepetriges Gesicht in Finale auf dem Trail machen muss.

Männer, die mit einem angespitzten Ast Bären jagen

Ich plapperte einfach nach, was alle sagen, dabei ist das eigentlich gar nicht meine Meinung. Ich fand es immer sehr komisch, Pärchensport überhaupt in Frage zu stellen. Ich hatte nie keinen Pärchensport, in keiner Beziehungskonstellation. Ich fahre Ski seit ich drei bin, musste quasi seit meiner Geburt jeden Sommer mit meinen Eltern in die Berge, saß mit 20 Jahren am Gardasee das erste Mal auf dem Mountainbike – auf einer ehemaligen Weltcup-Strecke. Ich besitze vier Fahrräder und stehe mindestens 50 Tage im Jahr auf Ski. Outdoor-Sport ist mein Leben. Wer in mein Leben will, muss mit mir raus – aufs Rad, in den Schnee, auf die Berge oder mindestens ans Meer. Männer, mit denen es unmöglich war, eine gemeinsame Schleppliftfahrt ohne Sturz zu überstehen, überstanden auch in meinem Leben höchstens drei Monate. Männer, die Trails fahren, die andere nicht mal zu Fuß gehen und obendrein noch so aussehen, als könnten sie einen Ast mit den Zähnen anspitzen und damit Bären jagen, waren hingegen immer meine Helden.

Für mein persönliches Liebesglück hat mir diese Strategie ehrlich gesagt nicht sonderlich viel gebracht. Es führte so weit, dass mir meine beste Freundin nach der gefühlt 23. gescheiterten Beziehung den gut gemeinten Ratschlag gab, ich solle meine Männer doch nach anderen Kriterien auswählen, als ihren Skills im Skifahren und Mountainbiken, sowie der Anzahl ihrer Caps und Karohemden. Von einem verschmähten Verehrer wurde mir gar unterstellt, der Besitz eines VW-Busses wäre obligatorisch um Frau Kestlers Herz zu gewinnen. Und das, obwohl es doch gar nicht so leicht wäre, unter diesen Bus-Fahrern einen zu finden, der nachdem er aus der Schiebetür herausgefallen wäre, auch im so genannten echten Leben noch was drauf hat, wie meine beste Freundin zu sagen pflegt. Und Menschen, die mir nicht so nahe stehen, verstehen sowieso nicht, warum dieses blöde Hobby so wichtig ist, es geht doch um was anderes im Leben!

Mal ganz davon abgesehen, dass ich einen Mann, der meine Leidenschaften nicht teilt, schon rein zeitlich nicht in meinem Leben unterbringen würde, ist es extrem mühsam Menschen, die nicht mit dem Virus Outdoor infiziert sind, zu erklären, dass es um weit mehr geht, als nur ein gemeinsames Hobby oder die Ausübung desselben Sports. Man schwafelt dann irgendwas von Lifestyle und fragt sich derweil selbst, was das überhaupt ist, dieses Lebensgefühl, das vielleicht deswegen so schrecklich leer und cheesy klingt, weil es so oft als schnödes Verkaufsargument herhalten muss. #neverstopexploring #ichbinraus

Es verlässt dich nicht einfach, wenn du die Wohnungstür auf sperrst

Was es wirklich ist, außer nur ein angesagter Lifestyle-Trend, der sich gut in meinem Instagram-Feed macht, fällt mir schnell wieder ein, wenn ich jemanden treffe, dem ich mich nicht groß erklären muss. Der genau das selbe Gefühl hat, wenn er das erste Mal im Jahr mit dem Auto die Straße von Nago nach Torbole runter fährt. Und der bei aller Liebe den ganzen Zirkus mit genau derselben ironischen Distanz betrachten kann: Der Gardasee, dieser touristische Ort, wo so viele Lycra-Helden sich Abends in der Windsbar einen Spritz nach dem anderen reinstellen und tagsüber mit ihren schweineteuren Rädern auf den steinigen Rumpeltrails völlig überfordert sind. Aber mei, trotzdem, da schau her, wie er da liegt, der Lago… hach, komm wir essen noch ein Gelato und setzen uns an den Strand.

Einfach nur dasitzen, der Lago glitzert. Wahlweise das Meer. Im Winter der Schnee. Ein, zwei, drei Bier, weil wir sind ja bei Gott keine zwänglerischen Ausdauerathleten. Pläne machen für den nächsten Tag. Am nächsten Tag den Plan verschieben und nur eine kleine Runde drehen, weil es doch mehr Bier wurden oder sich selbst völlig übertreffen und 1800 Höhenmeter runterreißen. Eigentlich ist es völlig egal. Die Leistung ist nur Nebensache. Unter der Woche in München gönnt man sich dann wenigstens die Mini-Dosis Outdoor: Ahornsamen aus der geheimen Sammlung im Wohnzimmerschrank gemeinsam feierlich vom Balkon segeln lassen und darüber debattieren, welcher besser fliegt. Es ist kein Hobby. Es verlässt einen nicht einfach, wenn man wieder in die Stadt fährt und die Wohnungstür aufsperrt.

Ich war mit Männern zusammen, die meine Lieblingssportarten deutlich besser beherrschten als ich und welchen, denen ich sie beibrachte. Es hat mich selten gestört zu warten, viel schlimmer fand ich es, wenn andere auf mich warten mussten. Und auch, wenn ich meistens sehr harmonisch Pärchensport betreiben konnte, stand ich schon Rotz und Wasser heulend auf dem Trail und mein Partner war mein größter Feind, gleich nach dem blöden Fahrrad. Weil man sich eben bei seinem Partner nicht so sehr zusammenreißt, wie bei Fremden, weil man schneller beleidigt ist und Dinge früher persönlich nimmt. Weil nicht das Ego jeden Mannes gut damit klar kommt, wenn seine Freundin eine scheinbare Männersache besser kann. Weil die Freundin manchmal einfach nur am Ende ist, wenn er auf der gemeinsame Tour geheime Weltcup Ambitionen auslebt. Weil einen niemand so krass aufregen kann, wie der Mensch, der einem am nächsten ist. Und weil man wegen des eigenen Ehrgeizes manchmal vergisst, dass man das alles nur aus einem einzigen Grund macht: Aus Spaß.

© Ralf Glaser/trails.de


Was ist der verblockte Trailabschnitt, gegen die großen Probleme im Leben?

Doch – mal ganz davon abgesehen, dass Sport in erster Linie Spaß machen sollte und man sich allein deswegen nicht darüber streiten muss – was ist denn bitte dieser offenbar unüberwindbare, massiv verblockte Trailabschnitt, bei dem dein Klugscheißer-Freund meint, „du kannst das schon“, wenn „du einfach mal ein bisschen weniger bremst“ gegen die wirklichen Probleme im Beziehungsleben?!? Wie soll man denn als Paar echte Probleme meistern, wenn schon eine Bruchharschabfahrt die Beziehung kurz vors Aus stellt??? Ist der gemeinsame Sport nicht nur eine Prüfung oder ein Test fürs echte Leben? Und, wenn man das zusammen schafft, schafft man dann nicht auch den Rest?

Jetzt schreibe ich so furchtbar schlau daher, und bin doch in meinen Beziehungen selbst meistens nicht mal an den großen Problemen, sondern am unspektakulären Alltag gescheitert. Übersetzt gesprochen: Nicht an der technischen Schlüsselstelle, die mich richtig herausfordert, mir Angst einjagt und mich an mein Limit bringt, sondern an der dreimillionsten, unspektakulären Isartrailrunde, die man zwischen Arbeitsende und Sonnenuntergang gerade noch reinquetschen kann oder an der fünfmillionsten, langweiligen Pistenabfahrt, die keinerlei Schwierigkeiten und deshalb eigentlich auch kein Konfliktpotential birgt. Oder gerade deswegen vielleicht doch?!

Scheint fast so. Dieselbe beste Freundin, die mir den Ratschlag gab, Männer nicht nach ihren Bike- und Ski-Skills auszusortieren, kam jedenfalls zu dem Ergebnis: „Du kommst nicht damit klar, wenn es in einer Beziehung völlig unspektakulär und einfach mal nur ok ist.“ Ich frage Sportler in Interviews immer ganz schrecklich hochtrabend, was sie vom Sport fürs Leben gelernt hätten – und vielleicht sollte ich mir vom Sport mitnehmen, dass genau wie nicht jeder Tag auf Ski blue bird und powder liefert, auch keine Beziehung immer nur unfassbar großartig ist, sondern manchmal eben auch einfach nur „Piste“. Aber Piste fahr’ ich ja auch ganz gern, besser als allein daheim auf der Couch sitzen ist es doch allemal. :)

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