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Warum Wasserkraft nicht immer sauber ist, sondern dem Ökosystem schadet

Es gibt sie noch, die ursprünglichen, wilden Flüsse und Bäche. Nicht mehr in Deutschland, dafür aber auf dem Balkan. Doch auch ihnen droht die Zerstörung durch den Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken. Warum das so ist und was wir dagegen unternehmen können zeigt uns Patagonia mit der Save the Blue Heart Kampagne.

Für mich war bis vor kurzem total klar, dass Energie, die durch Wasserkraft gewonnen wird, sauber und umweltfreundlich ist. Denn es entstehen weder sichtbare, umweltbelastende Abgase noch radioaktives Material, von dem wir nicht wissen, wohin damit. So dachte ich zumindest. Jetzt bin ich ein wenig schlauer und weiß, dass es anders ist und man das Thema Wasserkraft wie so häufig wesentlich differenzierter betrachten muss.

Die Blue Heart Kampagne von Patagonia

Wie kam’s dazu? Seit rund einem Monat verbreitet sich die Blue Heart Kampagne von Patagonia in den sozialen Medien. Das amerikanische Outdoor Unternehmen ruft dazu auf, eine Petition gegen die Finanzierung von mehr als 3.000 Wasserkraftprojekten in der Balkanregion durch internationale Banken zu unterzeichnen, zum Schutz der letzten frei fließenden Flüsse Europas, dem so genannten Blauen Herz. Als ich davon mitbekam, dachte ich mir, naja, warum soll man gegen den Bau von Wasserkraftwerken mobil machen? Schließlich muss die Energie für unseren teils verschwenderischen Lebensstil irgendwo herkommen und ist es nicht besser sie durch Wasserkraft zu erzeugen anstatt durch schmutzige Kohle- oder Kernkraftwerke?

Das Problem Wasser- und Kleinwasserkraftwerke

Auf einer Veranstaltung zu diesem Thema traf ich Uli Eichelmann, einen deutschen Umweltaktivisten und Gründer der NGO RiverWatch. Seit über 30 Jahren kämpft er für den Schutz und Erhalt von Flüssen und gegen den Bau von Wasserkraftwerken. Er war es auch, der die Kampagne Save the Blue Heart of Europe maßgeblich mit aufgesetzt hat. Wasserkraftwerke und die dafür nötigen Wasserumleitungen und Staudämme stellen aus seiner Sicht einen katastrophalen Eingriff ins Ökosystem dar, dies gilt insbesondere auch für so genannte Kleinwasserkraftwerke. Diese sind im Bau und Unterhalt extrem kostspielig, produzieren aber in Relation dazu nur sehr wenig Strom. Deshalb ist die Sinnhaftigkeit solcher Wasserkraftwerke für die Allgemeinheit mehr als fraglich, nicht aber für die finanzierenden Banken und ausführenden Bauunternehmen.

Bei den im konkreten Fall geplanten und teilweise schon umgesetzten Staudamm-Projekten auf dem Balkan, zwischen Slowenien und Albanien, handelt es sich fast ausschließlich um solche Kleinwasserkraftwerke. Aufgrund ihrer Größe unterliegen sie keiner Umweltverträglichkeitsüberprüfung – das wird gnadenlos ausgenutzt und befeuert die Korruption. So befinden sich ein Drittel der Projekte innerhalb geschützter Gebiete und 118 sogar in Nationalparks. Der ökologische und kulturelle Schaden, der durch den Eingriff in die Naturlandschaft verursacht wird, ist teilweise enorm: Der Lebensraum für Mensch und Tier droht nachhaltig zerstört zu werden. Es kommt zu Zwangsumsiedlungen, zum Aussterben von Pflanzen- und Tierarten sowie zum Verlust lokaler Trinkwasserquellen.

Warum das Blaue Herz Europas unbedingt schützenswert ist

Führt man sich vor Augen, dass bei uns in Deutschland die meisten Flüsse und Bäche bereits in einem desaströsen Zustand sind, so klingt das drohende Szenario ziemlich düster. Eine Ende März 2018 veröffentlichte Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hin macht die dramatischen Ausmaße klar: Nur 6,6 Prozent der bewerteten Fließgewässerabschnitte in Deutschland sind nach EU-Kriterien ökologisch in gutem Zustand und gerade mal 0,1 Prozent in sehr gutem Zustand. In 93 Prozent der Fließgewässer findet man nicht mehr die Vielfalt der Fische, Pflanzen und Kleintiere, die es ursprünglich mal gab und 79 Prozent der Fließgewässer sind durch den Ausbau in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert.

Auf dem Balkan zwischen Slowenien und Griechenland dagegen zeichnet sich ein vollständig anderes Bild. Nach Untersuchungen von RiverWatch und EuroNatur befinden sich dort 80 Prozent der bewerteten 35.000 Flusskilometer in einem sehr guten bis guten Zustand, und 30 Prozent in einem nahezu ursprünglichen Zustand. Es ist Europas wildestes und ursprünglichstes Flussnetz mit kristallklaren Bächen, spektakulären Wasserfällen, tiefen Canyons, intakten Urwäldern, mächtigen Wildflüssen mit weitläufigen Schotterbänken und eine der bedeutendsten Regionen für Süßwasser-Biodiversität in Europa. So sind 69 endemische Fischarten hier beheimatet, die es nirgendwo anders gibt und über 40 Prozent aller gefährdeten europäischen Süßwasser-Muscheln und Schnecken.

Es ist ein noch intaktes Ökosystem, das es in dieser Form in Europa kaum noch gibt. Doch es wird massiv bedroht. Von ökonomischen Interessen korrupter Regierungen und internationaler Banken. Mehr als 700 Millionen Euro pumpen Banken gemäß des Bank Watch Berichts in die Finanzierung von Staudamm Projekten auf dem Balkan. Es geht um sehr viel, um Geld und Macht auf der einen Seite und das blanke Überleben auf der anderen Seite. Die ganze Situation gleicht dem Kampf zwischen David und Goliath.

Der Film Blue Heart

Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia, Umweltaktivist und leidenschaftlicher Angler, kämpft schon seit über 30 Jahren gegen Staudammprojekte. Mit der Kampagne Save the Blue Heart, dem Dokumentarfilm Blue Heart und der Online-Petition will Chouinard mit Hilfe seiner global agierenden Outdoormarke auf die drohende Umweltzerstörung aufmerksam machen und Druck auf die internationalen Projektentwickler und Banken ausüben.

Der unter der Regie von Britton Cailloutte (Farm League) entstandene Film dokumentiert auf eindrucksvolle und sehr emotionale Weise das Engagement lokaler Aktivisten, mit Unterstützung europäischer NGOs wie RiverWatch und EuroNatur, gegen die Ausbeutung der Natur und die Zerstörung der Lebensgrundlage hunderttausender Menschen. So portraitiert Blue Heart den Kampf zum Schutz der albanischen Vjosa, dem längsten staudammfreien Fluss Europas, die Bemühungen den gefährdeten Balkanluchs in Mazedonien zu schützen und zeigt den fast ein Jahr andauernden, friedlichen Protest der Frauen von Kruščica in Bosnien und Herzegowina für den Schutz der einzigen Trinkwasserquelle ihrer Gemeinde - wofür sie sogar körperliche Gewalt von staatlichen Behörden in Kauf nahmen.

Seine Weltpremiere feiert der Film Blue Heart am 28. April am Idbar-Staudamm in Bosnien Herzegowina. In Deutschland ist er ab dem 3. Mai zu sehen. Start ist in Berlin und München. Alle Vorführtermine finden sich hier.

Was man aus Blue Heart mitnehmen kann

Was habe ich für mich aus dieser Geschichte gelernt? So einiges, nämlich, dass

... vermeintlich saubere, alternative Energiequellen wie die der Wasserkraft überhaupt nicht so sauber und unbedenklich sind, wie sie scheinen, das schließt auch die Solar- und Windenergie mit ein.

... es professionelle, überregional organisierte NGOs braucht, um den vielen kleinen, lokal unabhängig agierenden Aktivistengruppen eine gemeinsame, starke Stimme zu verleihen, die international Gehör findet und dadurch den vermeintlich aussichtslos erscheinenden Kampf David gegen Goliath unterstützt.

... das Engagement von Protagonisten wie Patagonia, die ihre internationale Bekanntheit und Reichweite dazu nutzen, um ihre Community auf ökologische Missstände aufmerksam zu machen und zum Handeln aufzufordern, durchaus positiv zu bewerten ist. Auch wenn man im ersten Moment dazu tendiert, das ganze als Greenwashing abzutun, wäre es in dem Fall hier nicht korrekt. Denn ich hätte vermutlich ansonsten nichts von der drohenden Umweltkatastrophe auf dem Balkan mitbekommen und mich auch nicht mit dem Thema Staudämme und Wasserkraft auseinandergesetzt. Auch wenn es nur oberflächlich war, so bin ich jetzt zumindest sensibilisiert.

Fotos © Patagonia

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