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Outville Skitouren Island (20)

Wenn das Wetter schlecht ist, dann warte fünf Minuten eine Woche

Das goldene Licht der Polarsonne, Tiefschneeabfahrten mit Blick auf den Ozean, heiße Quellen zum Regenerieren der Beine und kuschelige Nächte in einem Zelt, das weitab der Zivilisation steht. Die traumhaften Momente trösten Max Draeger und seine Freundin bei ihrem isländischen Skitourenabenteuer über Kälte, Sturm und miese Schneebedingungen hinweg.
Text & FotosMax Draeger

22 Nächte im Zelt schlafen? Eigentlich kein Problem, wäre da nicht der isländische Winter, der mit hohen Windgeschwindigkeiten und nassem, schwerem Schnee gegen die Seitenwände unseres Zeltes drückt. Manchmal drückt er auch nicht nur dagegen, sondern zwingt das Zelt um zwei Uhr morgens sogar in die Knie. Dann weichen wir ins Auto aus, zwängen uns zwischen Alukisten und Reisetaschen auf eine viel zu schmale Matratze. Unser eigentliches Bett ist unter Zelt und Schnee begraben. So ist das also mit diesem Wintercamping – überhaupt nicht romantisch, sondern nervenaufreibend, anstrengend und kräftezehrend. Selbst die überaus witterungsbeständigen Isländer haben uns schon den Namen „crazy campers“ gegeben und schütteln beim Anblick unseres Zeltes neben dem öffentlichen Schwimmbad nur verwundert mit dem Kopf. Gezwungen hat uns niemand, wir sind freiwillig hier. Zumindest reden wir uns das immer wieder ein, damit wir es uns nicht anders überlegen...

Das Abenteuer Island

Meine Freundin Kathi und ich sind wenige Tage zuvor in Dänemark auf die MS Norröna, die einzigen Fähre nach Island gestiegen, um nach zweieinhalb Tagen Überfahrt in unser erstes großes Abenteuer als Paar zu starten. Unser Plan ist ein Wintercamping-Roadtrip durch den Norden Islands. Wir erhoffen uns spannende Skiabfahrten an den steilen Flanken Tröllaskagis und den Tafelbergen der Westfjorde. Schon die Anfahrt vom Fährhafen in Seyðisfjörður nach Dalvík, wo wir unser erstes Lager aufschlagen wollen, gibt uns einen Vorgeschmack auf die Witterungsbedingungen der kommenden dreieinhalb Wochen.

Willkommen im isländischen Winter

Da sich die Strecke bald als zu weit für einen Tag und unser Reisetempo erweist, müssen wir bei starkem Schneefall und eisigem Wind auf einer Hochebene übernachten. Vor wenigen Minuten hatten wir uns noch gefreut, nicht in einem dieser hochgebauten Wohnmobile zu sitzen, die fast von der Straße geweht wurden. Jetzt sehnen wir uns nach etwas mehr Wohnraum in unserem Geländewagen. An das Aufstellen des Zeltes ist hier nicht zu denken und somit verzichten wir auch prompt auf die erste Mahlzeit – im Auto ist zum Kochen schlichtweg kein Platz.

Am darauffolgenden Tag erreichen wir endlich Dalvík, das erste Ziel unserer Reise, und wissen noch nicht, dass die kommende Nacht eine noch größere Überraschung für uns parat hält. Das Wetter lässt jegliche Gedanken an Skifahren irrwitzig erscheinen, also kehren wir erst einmal im Café „Gísli Eiríkur Helgi“ ein. Wir befragen den Besitzer Bjarni, dessen Ähnlichkeit mit einem Wikinger nicht von der Hand zu weisen ist, nach ein paar aktuellen Informationen zur Schneesituation, möglichen Touren und anderen Gruppen. Das Café ist, wie wir schon vor unserer Reise erfahren hatten, der Dreh- und Angelpunkt der meisten Skitourengruppen auf der Halbinsel Tröllaskagi und kulinarisch eine echte Empfehlung.

In der Nacht sollte sich dann auch die Gastfreundschaft des Wikingers unter Beweis stellen: Neben einem Tunnel stellen wir unser Zelt auf, kochen und strecken endlich unsere Beine im Schlafsack aus. Doch beim Einschlafen stören uns ein Blaulicht und Stimmen: „You have to leave! The danger of avalanches is too high! Escape as fast as possible or you will end up 50 meters below in the ocean…”  Weil es tagsüber total zugezogen war und wir keinen Überblick über das Gelände hatten, glauben wir den Polizisten und packen unser Zeug zusammen. Doch wohin? Wenig später fallen unsere müden Lider in Bjarnis Gästehaus zu…

Die ersten Schwünge im Blindflug

Am nächsten Tag überwiegt die Neugierde die Sorgen um die schlechte Sicht an den baumfreien Hängen und wir starten zu einer ersten Erkundungstour. Wir graben mehrere Schneeprofile und versuchen einen Überblick über die Schichtung der Schneedecke zu bekommen. Der isländische Lawinenlagebericht ist keineswegs mit dem uns bekannten zu vergleichen und eignet sich nicht zum Skitourengehen. Unsere sehr guten Kenntnisse über Schneephysik und Lawinenmechanismen waren also Voraussetzung dafür, Island auf eigene Faust zu erkunden. Als die Wolken zunehmen und erneuter Schneefall einsetzt, setzen wir unsere ersten Schwünge in den isländischen Schnee und er könnte durchaus schlechter sein.


Geländecheck mit dem Auto

Als zum ersten Mal die Sonne am Morgen auf unser Zelt scheint, beschließen wir nicht auf Skitour zu gehen, sondern mit dem Auto eine Erkundungstour der Halbinsel zu unternehmen. Einen Skitourenführer oder eine ordentliche Karte gibt es nicht. Wir müssen uns unsere Touren selbst erarbeiten. Macht viel mehr Spaß, aber erfordert etwas Erfahrung und ein wenig Zeit. Mit neuen Plänen im Kopf, lassen wir den Tag im 38 Grad warmen Außenbecken im Schwimmbad von Hofsos ausklingen – das entspricht schon eher unseren träumerischen Vorstellungen, die wir vor unserer Reise hatten.

Bluebird Tage sind selten und wollen gut genutzt sein

Die folgenden Tage spuren wir durch Whiteouts, starken Schneefall und von Skigenuss kann  nicht die Rede sein, bis der Wetterbericht endlich einen stabilen Schönwettertag vorhersagt. Wir stehen früh auf und der Blick aus dem Zelt gibt dem Wetterbericht recht. Die Sicht auf unseren Gipfel ist frei, verziert vom Morgenrot am Horizont. Ohne Zeit zu verlieren machen wir uns fertig und spuren zügig in Richtung Gipfel. Mit zwei Schneeprofilen überprüfen wir, wie sich der Neuschnee mit der Altschneedecke verbunden hat. Unser Grinsen wird immer breiter, denn die Schneedecke ist stabil und mit jedem Höhenmeter steigt unsere Vorfreude auf die Abfahrt durch unverspurten Pulverschnee.

Gewaltig. Diese Aussicht ist einfach nur unbeschreiblich schön – das Meer auf der einen Seite, steile Klippen im Hintergrund und ein traumhafter Skihang vor uns. Unser Gipfelglück währt allerdings nicht lange, denn ohrenbetäubender Lärm zerreißt die Stille – „Nein! Die werden doch nicht! Das darf doch nicht wahr sein! Solche…“, unsere Gesichtszüge entgleisen beim Anblick eines roten Helikopters, der nur 50 Meter neben uns eine Gruppe Skifahrer ausspuckt. Wir packen panisch die Felle in den Rucksack, die Firstline lassen wir uns nach drei Stunden Spurarbeit mit Sicherheit nicht nehmen! Doch der Guide schickt seine Gruppe in einen anderen Hang. Glück gehabt! Let’s go! Was jetzt folgt ist ein Rausch aus Endorphin, purer Freude und richtig gutem Powder. In weiten Schwüngen cruisen wir dem Meer entgegen und genießen wirklich jeden Meter, bevor wir uns im Geschrei der Möwen in die Arme fallen. Unbeschreiblich! Bis zur Dämmerung und völliger Erschöpfung wiederholen wir dieses Spiel aus Spurarbeit, High Fives, Abfahrtsgaudi und Fotoshooting. Einen großen Topf Nudeln später,liegen wir höchstzufrieden im warmen Schlafsack. Was für ein Tag!  

Wenn das Wetter schlecht ist, warte fünf Minuten

„Wenn das Wetter schlecht ist, warte fünf Minuten“. Die „Minuten“ stimmen meiner Meinung nach nur dann, wenn es darum geht, wann es wohl wieder zu stürmen beginnt. Anders herum würden „Tage“ besser passen. Und so bricht das nächste Tief über Tröllaskagi herein und zwingt uns zu einer Entscheidung: Aussitzen oder in die Westfjorde flüchten, wo das Wetter eventuell tendenziell etwas besser sein könnte?

Ganz sicher sind sich die Meteorologen da aber natürlich nicht. Trotzdem packen wir das Auto und starten in das nächste Abenteuer – eine 650 Kilometer lange Autofahrt. Ihr Höhepunkt: die Überquerung eines 600 Meter hohen Passes. Mitten in der Nacht kämpfen wir uns im Geländewagen durch hüfthohe Schneeverwehungen, die die Straße versperren und das Auto ans Limit bringen. Kein Wunder, dass die Straße am nächsten Tag für unpassierbar erklärt wird.

Wenigstens lagen wir mit unser Wettereinschätzung goldrichtig und dürfen bei herrlichem Sonnenschein auf Skitour gehen. Wir steuern einen Gipfel mit dem Namen Breidhorn an und hoffen eine der steilen Nordrinnen abfahren zu können. Mit Ski am Rucksack, Steigeisen und Pickel steigen wir zu einer Scharte auf, die uns auf die Rückseite des Berges bringen soll. Bald müssen wir uns eingestehen, dass die Schneeverhältnisse nicht ideal sind: Ein alter Lawinenkegel ist nur leicht eingeschneit und je weiter wir nach oben kommen, desto härter wird der Schnee. Als wir über die Wechte klettern, sind wir froh zwei ausgewachsene Eisgeräte in den Händen zu halten. Auf der Rückseite hat der Wind den Schnee zu einem perfekten Schneebrett gepresst und wir müssen uns nahe am stark überwechteten Grat halten, um keine Lawine auszulösen. Spätestens als sich dann auch die Sicht verschlechtert, schlägt das Bauchgefühl bei uns auf mulmig um und wir treten den Rückzug an. Jetzt müssen wir durch den überschneiten Lawinenkegel und die vereiste Passage abfahren – ein grausiger Kampf!

Wilde Flanken und langweilige Gipfel

Eine wirkliche Eigenheit der nördlicheren Berge Islands ist deren Tafelberg-Form. Die Flanken hui, der Gipfel pfui! Als hätte man die Berge einfach auf halber Höhe abgeschnitten… Umso wilder und skifahrerisch spannender sind dafür die Hänge und Rinnen. Doch guter Schnee ist rar, oft brechen wir durch einen bösen Harschdeckel, der unsere Oberschenkel zum Glühen bringt. Traurig sind wir trotzdem nicht, weil Islands Norden uns mit stabilem Wetter und herrlichen Weitsichten über Berge und Fjorde beschenkt. Eines Abends nach einer langen Skitour färbt sich der Himmel grün und violett und zeigt uns unser erstes Polarlicht. Wir spüren ganz deutlich, was für ein unglaublich erfülltes Leben wir doch genießen dürfen.

Ein Traum geht in Erfüllung

Uns bleiben noch zehn Tage auf Island, ehe wir wieder zurück zur Fähre müssen und wieder ist es das Wetter, dass uns den Plan für die kommenden Tage diktiert. Wir fahren zurück nach Dalvík, weil eine Kaltfront in den Westfjorden für schlechte Sicht sorgen wird.

Auch auf Tröllaskagi bekommen wir die Ausläufer des Tiefs zu spüren. Wir sehen, wie ein Heli-Pilot seine Gäste im Tal absetzen muss und allein zur Base zurückfliegt. Scheinbar zu gefährlich für die Kunden, die etwas später von einem Kleinbus eingesammelt werden. Auch wir verkriechen uns bei Windgeschwindigkeiten von weit über 100 Kilometern pro Stunde wieder im Auto.

Eine letzte Chance sollen wir dann aber doch noch bekommen, nur wenige Tage später. Es kommt wirklich alles zusammen: Wir haben eine perfekte Rinne gefunden, es ist windstill und die Berge rund um Dalvík sind in 30 Zentimeter Neuschnee eingehüllt. Wir wühlen uns drei Stunden lang Schritt für Schritt die rund 40 Grad steile Rinne empor bis wir zur Ausstiegswechte gelangen. Als auch diese überwunden ist, gönnen wir uns eine kleine Pause. Wir haben alle Zeit der Welt, die Sonne scheint uns ins Gesicht und erst als Kathis Skispitzen über den Rand der Wechte ragen, löst Vorfreude und ein bisschen Aufregung die entspannte Stimmung ab. „Drei – zwei – eins – Drop in!“ In weiten Turns surft sie durch die Pipeline und kurz darauf bin auch ich an der Reihe. „Yiiiiiiihhhhhaaaa!!!!“ Uns entfährt mehr als ein Freudenschrei als wir uns am Talboden in die Arme fallen: Unser zweiter Bluebird-Powder-Tag in dreieinhalb wochen.

Wir kommen wieder!

Es hat sich bezahlt gemacht dran zu bleiben, nicht aufzugeben und die Dinge mit einer gewissen Sturheit immer wieder zu versuchen. Wir feiern unseren perfekten Tag im isländischen Backcountry mit einer Fischsuppe bei unserem Freund Bjarni, dem wir übrigens versprechen irgendwann wieder zurückzukommen. Island hat uns hat uns viel abverlangt, Nerven gekostet und unsere junge Beziehung auf einige harte Proben gestellt. Gerade die Witterungsverhältnisse haben weder Campen noch das Skifahren einfach gemacht, aber sobald Schnee, Wetter und Gelände zusammengepasst haben, waren wir überwältigt von der Schönheit der Insel aus Feuer und Eis und dem grandiosem Skigelände. Nach diesem Abenteuer steht für uns jedenfalls fest: Wir kommen wieder!

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