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Wie Klettern dein Leben verändern kann

Bevor Jenny Abegg dem Klettern ihr Leben widmet, ist sie ängstlich, unsicher und schüchtern. Doch dann lernt sie, aus ihren Erfolgen im Klettern Kraft für ihren Alltag zu ziehen und baut sich rund um den Sport ein Leben auf, von dem sie immer geträumt hat. Outville hat mit der kanadischen Kletterin und Autorin gesprochen.
Text & InterviewKatharina Kestler

Jeder ist doch ein Stück weit gefangen. In seiner Umgebung und in seinem Charakter. Hineingeboren in eine bestimmte Familie, an einem bestimmten Ort, mit bestimmten Eigenschaften. Und wie erwachsen man auch werden mag, so sehr man sich auch emanzipiert, seine eigene Persönlichkeit, deren Stärken und Schwächen reflektiert und an sich arbeitet, so sehr merkt man auch, wie klein der eigene Handlungsspielraum oft ist.

In dieser Ohnmacht braucht man jemanden, der einem klar macht, dass man ganz allein über sein eigenes Leben bestimmt. Manchmal zeigt einem das auch eine Situation: Es passiert etwas, das einen aufweckt, zurück holt aus der Ohnmacht. Ein Moment, der einem klar macht: Du schaffst das. Du kannst das. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen. Mach’ dich frei. Frei von den Erwartungen anderer und frei von deiner Angst. Werde dir bewusst, wie mächtig du eigentlich bist. Bei Jenny Abegg kam dieser Moment beim Klettern.

Klettern – ein mentaler Sport

„Beim Klettern denke und fühle ich sehr viel. Ich nehme mich wahr, spüre mich, konzentriere mich nur auf mich. So wie ich mich beim Klettern am Seil herausfordern kann, kann ich mich auch in meinem Leben fordern. Wie ich schwierige Stellen in der Route angehe, so gehe ich auch mit Situationen um, die mir sonst im Leben Probleme machen. Wenn die Angst kommt, dann sehe ich sie mir an, akzeptiere sie und dann schiebe ich sie auf die Seite, damit ich weiter klettern kann. So mache ich das nun auch in meinem Alltag. Klettern hat mich verändert.“  

Jenny wächst in Squamish, British Columbia in Kanada in einem sehr religiösen und behüteten Umfeld auf. Ihre Eltern sind Kletterer, erkunden in den 70ern und 80ern den Nordwesten der USA, ein Gebiet, das den Alpen sehr ähnlich ist. Schon als Kind wird Jenny von ihren Eltern mit auf Backpacking Trips und mit zum Bergsteigen auf Gletscher und 3000 Meter hohe Vulkane genommen. Die Grundlage, aber die Grundlage macht noch keine Profi-Kletterin.

„Bevor ich mit dem Klettern anfing, war ich sehr schüchtern, ängstlich, unsicher und hatte kein Selbstvertrauen. Aber ich habe gelernt, wenn ich die schlechten Gefühlen und die Angst im Klettern zur Seite schieben kann, dann kann ich es auch im echten Leben. Nur ich entscheide, was ich mit meinem Leben mache!“

Klettern als Beruf

Erst Ende 20 beschließt Jenny Kletterin zu sein und mit dem Sport zumindest zum Teil ihr Geld zu verdienen. Der Grund: Ein befristeter Job endet, sie hat noch keine Anstellung in ihrem eigentlichen Beruf als Lehrerin, und auch privat passieren einschneidende Dinge: Eine Beziehung geht zu Ende und sie tritt aus einer Religion aus, der sie seit ihrer Kindheit angehört. Jenny zieht erst einmal für acht Monate in ihren Van:

„Hier in Amerika wohnt ungefähr jeder Kletterer, der was auf sich hält, zumindest für eine gewisse Zeit in seinem Bus. Dieses Dirt Bag Leben ist nicht besonders außergewöhnlich. Amerika ist groß, es ist oft warm und sonnig, in Südkalifornien beispielsweise kann man das ganze Jahr klettern. Das Leben ist günstig und ein ständiges Abenteuer. Es ist sehr sozial, ständig triffst du jemanden. Es gibt keine Routine, ständig ändert sich alles. Wenn an einem anderen Ort die Sonne scheint und deine Freunde dort sind, fährst du einfach auch hin. Aber es hat auch Nachteile: Es ist schwer, sich gesund zu ernähren, zu kochen, zu trainieren und gute und stabile Freundschaften zu pflegen.“

Heute ist Jenny Outdoor Research Ambassadorin und hat wieder einen festen Wohnsitz in Bend in Oregon. Es liegt nur eine halbe Stunde von Smith Rock entfernt, der Ort gilt in den USA als Geburtsstätte des Sportkletterns. Hier scheint die Sonne so oft, dass man fast das ganze Jahr klettern kann – und in den Bergen dennoch genug Schnee zum Skifahren liegt. Jenny klettert vier bis fünf Tage pro Woche, 25 Stunden geht sie ins Café oder die Bibliothek um die Ecke und schreibt, zum Beispiel für die Website Switchback Travel oder die Magazine Alpinist und Climbing Magazine.

„Ich glaube, ich werde nie ein perfektes Leben führen. Aber von einem Leben, so wie meines jetzt ist, habe ich lange geträumt. Ich bin frei. Ich kann vier, fünf Tage die Woche Klettern gehen. Ich kann im Februar mit ein paar anderen Kletterinnen für einen Monat nach Patagonien fliegen. Und trotzdem habe ich ein richtiges Leben. Einen Ort, wo ich meine Sachen aufbewahre. Ich kann meine Miete zahlen. Das ist ein wundervolles Gleichgewicht.“

Frauen im Klettern

Im Frühling arbeitet Jenny am Wochenende als Guide, vor allem für Frauen und nimmt sie mit auf Mehrseillängen-Touren. Jenny hat sich als Frau niemals benachteiligt gefühlt und kennt das Gefühl selbst nicht, sich beim Sport unter anderen Frauen sicherer oder stärker ermutigt zu fühlen. Fragen zu ihrem Geschlecht und dessen Zusammenhang mit ihrem Sport, findet sie sogar ein bisschen anstrengend, aber sie weiß auch, dass es vielen Frauen anders geht als ihr und sie ihnen helfen. Auch wenn ihr die Vorbildrolle immer noch unangenehm ist.

„Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem Bescheidenheit ein sehr hohes Gut war: Hab’ kein Ego! Hilf’ anderen! Denk’ nicht so viel an dich selbst! Ich bin jetzt so etwas wie ein kleiner Promi hier in der Kletterszene und das setzt mich ganz schön unter Druck, vor allem beim Klettern. Ich muss noch lernen, ich selbst zu sein, Jenny zu sein, egal wer gerade unten am Fels steht und dir zu sieht. Es ist ja schön, wenn Leute gut finden, was ich schreibe, oder wie ich klettere. Wenn ich mich in dieser Rolle wohler fühle, dann kann ich auch ein besseres Vorbild sein.“

Sicherlich lehrt das Klettern Jenny auch diese Lektion noch.

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