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Ein Leben ohne Stützräder und in der eigenen Spur

„Mach’s dir nicht selbst so schwer!“ Wer diesen Satz öfter hört weiß: Es sich selbst nicht schwer machen, geht nicht so einfach, man ist eben so. Doch trotzdem – oder gerade DESWEGEN, schaffen es manche „Schwermacher“ sogar auf die höchsten Berge der Erde, wie Tamara Lunger beweist. Ein Interview über ihren Kampf und ihren Frieden mit sich selbst.

Je älter man wird, desto häufiger fragt man sich, warum man eigentlich so ist, wie man ist. Und ob es nicht auch leichter ginge. Anders. Wenn man nicht diese und jene Unart mit sich herumtragen würde. Und auch wenn es immer heißt, Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung – es ist eben nicht so einfach, die Dinge abzustellen, die man an sich selbst nicht ausstehen kann und sich zu ändern. Vielleicht ist es ja auch gar nicht so sinnvoll, und es hat alles seinen Grund so wie es ist?

Für alle Kopfmenschen, die trotzdem nicht aufhören, sich zu hinterfragen und lieber hinter jeder Gehirnwindung zweimal nachsehen, ob sich dort nicht noch eine ganz andere Wahrheit verbirgt, kann Bergsteigerin Tamara Lunger eine inspirierende Person sein.

Tamara Lunger und ihr Traum von den Achttausendern

Als Tochter eines Skibergsteigers in den 80ern in Bozen geboren, ist Tamara in den Bergen aufgewachsen. Schon als Kind probiert sie verschiedene Sportarten aus, wird zweifache Vize-Italienmeisterin im Diskuswurf. 2002 beginnt sie mit dem Skibergsteigen, wird unter anderem zweimal Staatsmeisterin und sogar Weltmeisterin in der Marathondistanz. Schon im Alter von 14 Jahren hat Tamara den Wunsch, einmal auf einem Achttausender zu stehen. 2010 ist es dann so weit. Mit 23 Jahren ist sie die jüngste Frau auf dem Lhotse, 2014 folgt der K2. Ein Jahr später bricht sie die Winterbesteigung des Manaslu, die sie zusammen mit ihrem Expeditionspartner und Seelenverwandten Simone Moro geplant hatte, ab.

Outville: Deine Mutter hat mal gesagt: Die Tami sucht sich immer den schwierigsten Weg. Und im Film Tamara sagt dein Vater, du bist beim Skitourengehen nie in seiner Spur gegangen.

Tamara Lunger: Ja. Ich glaube, so wird man geboren. Manche suchen immer den einfachen Weg und wollen sich nicht anstrengen. Ich bin genau das Gegenteil. Das kommt mir sicher zu Gute. Aber in Kombination mit der Tatsache, dass ich immer Vollgas geben will, kann es ganz schön selbstzerstörerisch sein.

Zumindest ist es ziemlich energieraubend, oder?

Ich frage mich manchmal, warum ich so sein muss und warum ich nicht sein kann, wie der Großteil der Menschen, die zufrieden sind, wenn sie auf der Couch sitzen und fern schauen. Aber das bin ich nicht. Es ist schwierig, wenn du jeden Tag versuchen musst, das Rad neu zu erfinden, weil es dir sonst zu wenig Action, Abenteuer und zu langweilig ist. Da hast du immer eine Aufgabe, eine ziemlich große. 

Hast du das schon als Kind gemerkt?

Ja. Als ich Radfahren gelernt habe, wollte ich keine Stützräder. Es war mir auch egal, ob ich dann zwanzig Mal hinfalle. Oder eben beim Skitourengehen – in der Spur von jemand anderem gehen geht nicht, ich muss meine eigene Spur machen. Ich habe mir immer meine Ziele sehr hoch gesteckt.

Wann hast du gemerkt, dass du anders bist als die anderen?

Das war schon in der Volksschule so. Es war mir auch egal, dass ich keinen so großen Freundeskreis hatte, weil ich habe eben trainiert. Alles andere war mir nicht so wichtig. Das ist vermutlich auch gut so, wenn du was Größeres erreichen willst in deinem Leben. Aber wie ich damit umgegangen bin, hat sicherlich in den Menschen die Vorstellung ausgelöst: Die Tamara ist eine harte Sau. Sie sehen mich als sehr stark, obwohl ich innerlich meiner Meinung nach richtig Frau bin. Mir hat mal jemand gesagt, dass ich ein Problem mit der Weiblichkeit habe. Das stimmt auch. Ich war viele Jahre viel zu wenig weiblich. Ich habe mich nicht getraut, die Weiblichkeit auszuleben und wollte besser sein als die anderen Frauen. Das ist ein sehr komplexes, psychologisches Thema.

Wie stehst du zu der Bezeichnung Extrembergsteigerin?

Das Wort extrem habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen. Für mich ist was ich tue nicht extrem, sondern meine große Passion. Dieses Wort extrem würde mich auf eine höhere Stufe stellen als die anderen Leute. Das möchte ich nicht. Es nimmt die Möglichkeit, dass wir uns auf der gleichen Ebene begegnen. Deswegen finde ich es immer ganz gut, wenn mich Leute nicht kennen.

Was bedeuten für dich die Berge?

Meinst du die inneren Berge oder die äußeren? Bis vor kurzem habe ich gedacht, dass ich nur auf Bergen glücklich bin und dass ich nur dort meinen inneren Frieden finden kann. Aber in letzter Zeit hat sich das extrem gewandelt, weil ich beschlossen habe, dass mir meine Gesundheit und die Schmerzfreiheit am wichtigsten sind. Das war für mich ein sehr großer Schritt. Ich hatte 17 Jahre jeden Tag Schmerzen. Meine Eltern haben mir gesagt: Du übertreibst es! Aber das habe ich nicht hören wollen. Bis du es nicht selber checkst, geht da kein Weg hin.

Mir hat mal jemand gesagt: Du musst Empathie lernen – nicht nur gegenüber den anderen Menschen, sondern auch zu dir selbst. Das fällt mir extrem schwer. Ich habe Sport studiert und weiß, wie man richtig trainiert – aber ich dachte immer: Für mich gilt das nicht, ich mache es trotzdem anders. Das ist wie eine Sucht, ein innerer Drang, den du nicht unter Kontrolle hast. Ich habe mich oft als Sklave meines Kopfes gefühlt, mein Körper war der Sklave meines Gehirns. Ich bin nachts aufgewacht und dachte: Ich habe heute viel zu wenig trainiert, ich muss jetzt aufstehen und Situps machen. Das ist krank. Ich war auch depressiv in Phasen, in denen ich keinen Sport machen konnte.

Ich glaube, ich darf etwas lernen, in diesem Leben. Und für mich ist das: Wenn man seinen Weg gefunden hat, wenn man sich so kennt, dass man weiß, was gut für einen ist und wann es dem Körper gut geht, dann ist man am erfolgreichsten. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal mit einem Trainingsplan von einem super Trainer gearbeitet und nur zwei Wochen durchgehalten, dann ging es mit meinem Schmerzen wieder los, vor allem im Rücken. Für mich ist das einfach Freiheitsberaubung. Dann denke ich früh schon daran, was ich heute machen muss. Dann gehst du auf den Berg, willst eigentlich den Berg erleben und seine Energie und dann musst du auf die Uhr nach deinem Puls schauen. Das kann ich einfach nicht. 

Wer ist dein größerer Gegner – dein Kopf oder dein Körper? 

Ganz klar mein Kopf. Deswegen war es für mich wie ein Neuntausender, als ich beschlossen habe, dass ich jetzt schmerzfrei werden muss. So ein krasses Glücksgefühl, so eine Zufriedenheit. Endlich habe ich geschafft, mich dazu durchzuringen. Ich konnte nicht mal mehr eine Kniebeuge in der Kirche machen, und bin trotzdem auf diese Berge. Ich kann so lange leiden, bis ich kaputt bin. Das ist eine Stärke, aber noch viel mehr eine Schwäche.

Ich war neulich bei einem Event mit meinem Sponsor am Kochelsee. Am Abend hatte ich einen Vortrag und tagsüber waren wir wandern, so 500 Höhenmeter auf einen kleinen Gipfel. Ich hatte schon beim Aufstieg Schmerzen in den Knien, beim steilen Abstieg war es noch schlimmer. Ich habe dann, als wir unten waren, meine Sachen in mein Zelt gebracht und hätte fast nicht mehr aufstehen können. Ich habe mich umgeschaut und festgestellt, dass ich eigentlich in Punkto Gesundheit die Schlechteste von allen bin – und trotzdem mache ich solche Sachen. Jeder Mensch ist im Stande Großes zu leisten, wenn er wirklich will. Das ist nur der Kopf. 

In Nepal habe ich weniger Schmerzen, weil ich mich dort mehr zuhause fühle. Wenn ich Probleme habe, zwischenmenschlicher Natur, wenn es irgendetwas gibt, das mich belastet, dann geht das sofort auf die Knie – innerhalb von Sekunden. 

Warum fühlst du dich in Nepal mehr zuhause? 

Das liegt an den besonderen Bergen dort. Die Freiheit, die Reinheit, die Energie, das dem Herrgott nahe sein. Für mich ist mein Glaube eine wichtige Basis. Dadurch weiß ich , dass ich, solange ich die Entscheidungen mit Verstand und Bedacht treffe, alles richtig mache. Der Rest liegt nicht in meiner Hand, deswegen brauche ich auch keine Angst haben. 

Das heißt, Angst existiert für dich nicht? 

Ich dachte immer, Angst existiert nicht. Dann habe ich eine amerikanische Psychologin und frühere Freestyle-Skifahrerin getroffen, die ein Buch über Angst geschrieben hat: Kristen Ulmer. Sie hat mir erzählt, dass sie auch immer gesagt hat, sie habe keine Angst, aber dass dies nur ein Verbergen der Angst im Unterbewusstsein war und als die Angst ans Tageslicht kam platzte die Bombe. Sie hat gesagt, das kann auch in körperliche Schmerzen oder in Depression und Burnout ausarten. Wir haben uns in einer Meditation auf die Suche meiner Angst begeben und danach waren meine Schmerzen in den Knien erstmal weg. 

Dein Expeditionspartner Simone Moro ist für dich sehr wichtig. Welche Rolle spielt er in deinem Leben? 

Wenn ich ihn nicht getroffen hätte, weiß ich nicht was für ein Ende ich genommen hätte. Ich bin durch ihn auf meine geliebten Berge gekommen, er hat mir sehr viel weiter geholfen. Auch wenn es mich oft überfordert hat, habe ich von Simone sehr viel gelernt, er hat mir viel beigebracht. Das rechne ich ihm sehr hoch an. Er weiß, wie ich bin und dass mich die Gesellschaft und das ganze Drumherum sehr belastet. Als ich Probleme mit meinen Knien hatte, hat er mir jeden Tag zugehört. Meine Eltern konnten es schon nicht mehr hören, aber er war jeden Tag da. Irgendwann hat er gesagt: Tamara, ich weiß nicht, was ich dir noch sagen soll. Wenn du magst, lerne ich dir Hubschrauberfliegen. Das habe ich dann gemacht. Ich hatte wirklich krasse Tiefs, für ich hatte nichts mehr einen Sinn, ich konnte schließlich keinen Sport mehr machen. Manchmal wollte ich fast aus dem Fenster springen. Simone hat mir durch das Fliegen wieder eine Freude gegeben und einen Fokus, das rechne ich ihm sehr hoch an. Einmal hat er gesagt: Tami weißt, du bist nicht einfach, aber irgendwann habe ich einfach beschlossen, dass ich dich verstehen will. 

Wie ist es mit deinem Vater? 

Er ist ein richtig hartköpfiger Südtiroler, der keine Emotionen zeigen kann. Da bin ich anders. Ich habe es bei ihm gesehen: Er hat sich genau wie ich nie an einen Trainingsplan gehalten. Für ihn gab es nur ein Gas und das war Vollgas. 

Wem willst du was beweisen? Dir selbst oder den anderen? 

Das hab ich mich auch schon oft gefragt. Im Moment mir selber. Es ist für mich kein Wettbewerb mit anderen Bergsteigern. Aber es hat schon früh in der Kindheit begonnen. Ich wurde viel gehänselt in der Schule, weil ich einfach immer ein bisschen anders war. Und als mich die Jungs verprügelt haben, da habe ich mir gedacht: Euch Schweinen zeig ichs!

Auch ein Vater ist sicherlich ein Grund: Wir sind ja drei Töchter und meine Mutter. Mir kam es oft so vor, als hätte er lieber einen Sohn. Bei meinen Skitourenrennen hat er mich nie gelobt und nie gepusht. Ich hätte mir ab und an einen Vater gewünscht, der ein bisschen mehr hinter mir steht. 

Ich glaube, das sind die beiden Sachen, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin: Ich muss mich fit machen und ich muss ein bisschen mehr sein wie ein Junge. 

Würdest du dich als fröhlichen Menschen bezeichnen? 

Ich bezeichne mich als himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Ich bin nicht nur gut gelaunt, aber ich kann mit den negativen Dingen besser umgehen als früher. Ich weiß: Auch wenn ich heute den ganzen Tag weinen muss, ist es kein Weltuntergang, sondern normal. Morgen ist ein anderer Tag. 

Was ist für dich Glück? 

Für mich hat das Gefühl in den Bergen nicht an Intensität verloren. Ich kann auf einem Berg, selbst in Südtirol, immer noch weinen, weil ich mich von Gott geliebt fühle und ich das alles erleben darf. Ich weiß, dass ich genau das Richtige gefunden habe, meine Berufung, das ideale Spielgelände, um mehr über mich herauszufinden und mich zu verbessern. Ich bin noch nicht so, wie ich gerne sein möchte. Mir fehlt noch viel, ich brauche noch viel Übung und viel Training. Aber ich glaube, ich bin auf den Bergen auf dem richtigen Weg. 

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