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Baltic Long Road: Ein langer Weg nach Hause

Joschko Hammermann schwingt sich auf seine restaurierte Schwalbe und fährt mit 3.6 PS einmal um die Baltische See. Nach 5000 Kilometern und 29 Tagen auf dem Moped, hat er Geschichten im Gepäck, die er noch den Enkelkinder erzählen wird.
Text & FotosJoschko Hammermann

Alles begann mit meinem alten DDR Moped aus dem Jahr 1984, den meisten bekannt als Schwalbe. Es stand schon über zehn Jahre bei mir herum, bis ich mich entschloss, den Motor und die komplette Technik zu restaurieren. Dann stand ich da. Mit einer einwandfrei laufenden Schwalbe und einem Plan – 5000 Kilometer mit 3,6 PS unter dem Hintern um die Baltische See zu fahren. Alleine. 

Es ist ein Morgen im Juni als ich meine Heimatstadt Magdeburg in Richtung Norden verlasse. Die ersten paar Kilometer sind die reinste Folter. Der Motor hört sich an, als würde er jede Sekunde schlapp machen. Aber langsam gewöhne ich mich an das Geräusch.

Es läuft und schon setze ich mit der Fähre von Rostock nach Trelleborg in Schweden über. Meine Schwalbe kann nicht besonders schnell fliegen, deswegen bewege ich mich auf kleinen Land- und Schotterstraßen mitten durch die Prärie. Da Skandinavien sehr dünn besiedelt ist und vor Natur nur so strotzt, genieße ich die Einsamkeit: unter freiem Himmel in meinem Zelt zu schlafen, mit der Angel mein Essen selbst zu fangen, Lagerfeuer zu machen und die Gastfreundschaft der Einheimischen, die mich immer wieder zu sich nach Hause zum Essen einladen oder mich mit zu ihren geheimen Angelspots nehmen.

Nach den ersten 1.000 Kilometern auf der Schwalbensitzbank, gönne ich mir bei Freunden in Stockholm ein bisschen Zivilisation und urbane Abwechslung, bevor es weiter auf Schotterwegen durch endlose Wälder in Richtung Norden und Finnland geht. In Umeå rollen Schwalbe und ich schließlich auf die Fähre und setzen nach Vaasa in Finnland über. Soweit nördlich merkt man nun deutlich die nicht enden wollenden Tage. Als ich dort um Mitternacht auf dem Campingplatz ankomme, ist es noch taghell und die Sonne steht wie als wäre sie beim Untergehen eingefroren für vier Stunden am Horizont. Ein unvergesslicher Moment.

Doch manchmal, wenn sich die Sonne eine Verschnaufpause gönnt, übernehmen Regen und Wind. Dann komme ich nur in gefühlter Zeitlupen-Geschwindigkeit voran – und unbequem wird es obendrein. Dass dieser Anblick eines schwer beladenen Mopeds bei manchen Menschen auf Verwunderung und Überraschung stößt, erlebe ich immer wieder – zum Beispiel auf einem verlassenen Campingplatz kurz vor Helsinki. Ich habe mich schon wieder auf eine Nacht alleine eingestellt, wie so oft auf meiner Tour, als plötzlich eine röhrende, 50 Mann starke Biker Gang den Platz komplett einnimmt. Irgendwann entdecken sich mich, Schwalbe und meine mobile Behausung. Ich bin mir erst nicht ganz sicher was jetzt passiert, doch es geht gut aus. Allerdings muss das letzte überteuerte Bier schlecht gewesen sein, denn als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich noch immer die schlechten finnischen Karaoke Songs in meinem Kopf und ein kleines Männchen mit Hammer.

Von Helsinki aus geht es per Fähre nach Tallinn in Estland. Damit lasse ich Skandinavien hinter mir und tauche ein in den osteuropäischen Charme der Baltischen Staaten. Über Riga in Lettland geht es weiter nach Litauen. Von dort entlang der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad in Richtung Polen. Die Militärtrucks, die mir ständig begegnen, erinnern mich daran, mich besser vor einem ungewollten Grenzübertritt nach Russland in Acht zu nehmen.

Nach 29 Tagen, 5.000 Kilometer auf der Schwalbensitzbank, sieben Ländern und einem schmerzenden Hintern und Kreuz, rolle ich wieder in Magdeburg ein. Alleine. Jedoch mit vielen großen und kleinen Erlebnissen im Gepäck.

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